Das leidige Abholen

Kommentar vom 20. Juni 2011: Wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind….

Es gibt so Floskeln, die auf den ersten Blick klug und besonnen wirken. Wenn wir sie dann zum fünftausendsten Mal hören, haben sie lange ihre echte Wirkung und auch ihren Sinn verloren. So auch der Satz „wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind“.

Doch gehen wir erst einmal auf die ursprüngliche Bedeutung zurück.

Wenn ich jemandem, der noch nie einen Computer gesehen hat, die Feinheiten von Winword um die Ohren haue, die ich danke jahrelanger Arbeit mit diesem Programm zu beherrschen gelernt habe, da schafft das Widerwillen gegen Computer und Lernunvermögen bei meinem Gegenüber. Er ist überfordert. Ich muss also schauen, auf welchem Kenntnisniveau mein Gegenüber ist und von dort aus sein Wissen aufbauen, Stück um Stück. Das heißt, ich hole jemanden ab und wichtig: Ich führe ihn von dort aus hin zu einem höher gelegenen Ziel. Oder am praktischen Beispiel: Ein Kind kommt in die Schule und kann nicht schreiben. Daher erhält es jetzt am ersten Schultag nicht die Aufgabe, Shakespeares Werke abzuschreiben, sondern wird langsam in das Lesen und Schreiben eingeführt. Das Ziel ist aber immer klar: Das Kind soll fließend lesen und schreiben können.

Vermehrt wird der Spruch jedoch als Entschuldigung für eine Senkung des Niveaus verwendet. Es wird jetzt nicht mehr auf jemandem zugegangen, um ihn zu einem Ziel zu führen, das ZIEL wird jetzt gesenkt. Das ist so, als wenn ich sage: „Ich muss einem Kind nur die Buchstaben beibringen, das ist doch schon besser als nichts. Der neue Lehrer ist toll, er bringt den Kindern die einzelnen Buchstaben bei, heißa! Lesen und Schreiben? Das würde die Kinder nur verschrecken, wir müssen die Kinder da abholen, wo sie sind.“

So empfinde ich das, wenn jemand sagt, Tim Mälzer mache das doch richtig, von Bruker wollten die Leute nichts hören, da würden sie gleich abwinken. Aber Tim Mälzer, dem hören sie zu, und dann essen sie wenigstens keine Fertignahrung mehr, sondern kochen [ihre Auszugsmehl-Zuckerpampe] selbst. Na, toll! Der Spruch mit dem Abholen passt hier nicht, denn das Ziel von Tim Mälzer ist es nicht, den Menschen völlig von Zucker und Auszugsmehl abzubringen. Er will sie nur zum Buchstabieren bringen, nicht zum Lesen – weil er nämlich selbst nur buchstabieren kann. Leute wie Tim Mälzer und auch Sarah Wiener nutzen meiner Meinung nach eher den vorhandenen Gesundheitstrend, um sich zu profilieren. Ich weiß, dass ich hier möglicherweise einigen Anhängern auf die Füße trete 🙂

Sarah Wiener bringt zusammen mit dem Stern in Videos den Leuten das Kochen bei. Zum Beispiel Pfannkuchen mit Schokokreme (hier). Ist das abholen, um zu gesundem Essen zu kommen? Für mich nicht. Für mich heißt das: Frau Wiener wird vom Stern bezahlt, damit beide unter dem Deckmäntelchen des „Abholens“ Pseudogesundheit verkaufen. Was ist denn wirklich gewonnen, wenn jemand statt Fertigpfannkuchen jetzt selbst Ungesundes in die Pfanne haut? Weder Sarah Wiedner noch Tim Mälzer haben sich jemals als Vollwertler geoutet. Das heißt, ihr Ziel ist es überhaupt nicht, Menschen zu wirklich gesundem Essen zu führen, so wie „wir“ es wissen. Sie wollen sie nur bis zum Kochtopf bringen. Das heißt, das Ziel ist nicht wirkliche Gesundheit, sondern nur etwas weniger Lethargie. Würde Sarah Wiener verkünden: „Ich mache jetzt erstmal Palatschinken, damit ich im nächsten Zug dann die Vollwert aufbauen kann“, dann würde das Sprüchlein vielleicht noch passen.

Leute abholen, ohne sie mit Brukerwissen zu erschlagen, kann andere Formen annehmen. Zum Beispiel auf Zusatzstoffe hinweisen, auf die Schädlichkeit des Zuckers. Abholen heißt für die Ernährung nicht, den Zucker zu akzeptieren, weil die Leute mir sonst nicht zuhören. Wer mir nicht zuhört, weil ich den Zucker aufgrund meiner Kenntnisse als größten Übeltäter der Zivilisationskost anprangere, dem habe ich nichts zu sagen, denn da wird kein Leben ausreichen, um denjenigen von seinem Standpunkt bis auch nur brukernah zu führen. Wenn ich einen „Normalo“ abhole, dann benutze ich vielleicht mal Vollkornmehl aus dem Supermarkt, oder ich würde sogar Ahornsirup akzeptieren – für eine Übergangsfrist. Nie und nimmer aber würde ich Palatschinken mit Schokocreme machen! Das ist so, als würde ich wieder mit dem Rauchen anfangen, damit ich einem starken Raucher beibringen kann, nur noch 10 Zigaretten am Tag zu rauchen.

Ich habe gelernt, nur solche Menschen abzuholen, die auf mich warten – um im Bild zu bleiben. Alles andere ist vergebene Liebesmüh. Und wer abgeholt werden möchte, verkraftet auch mehr als die Distanz vom Foilenpfannkuchen zum Zuckerpfannkuchen aus der heimischen Pfanne.

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