Aus der Gesundheitsmärchenstunde

27. Juni 2015: Fairy Tales

Ich mag den Ausdruck Fairy Tales – Feengeschichten, zu deutsch Märchen. Es ist so eine schöne leichte Bezeichnung…. auch für Ersponnenes. Und das finden wir all überall.

Kaum kommt eine neue Ernährungsrichtung in Mode, heilt sie alle Krankheiten. Derzeit ist das der Veganismus. Und so gibt es in Facebook eine Gruppe, die nennt sich „Vegan for Fit – Hashimoto und andere Erfolgsgeschichten“,.

Wenn das kein Etikettenschwindel ist, soll der Name ja wohl andeuten, dass vegane Ernährung die Schilddrüsenerkrankung Hashimoto heilt oder zumindest verbessert. Das ist interessant, das ist nämlich so, als würde ich sagen, „Vegan for Fit – ausgefallene Zähne und andere Erfolgsgeschichten“.

Zähne, die ausgefallen sind, kommen nicht auf natürlichem Wege zurück. Hashimoto thyreoditis (eine andere Gruppe, die sich nur um diese Krankheit kümmert, bekommt nicht einmal den korrekten Namen hin) ist eine Immunerkrankung, die letztendlich zur Selbstzerstörung der eigenen Schilddrüse führt. Kranke müssen Schilddrüsenhormone nehmen und sind ansonsten völlig gesund. Eine Schilddrüse, die zerstört ist, kann sich aber nicht wieder von alleine aufbauen. Wer einen Hashimoto nicht medikamentös behandelt, stirbt – er wird immer schwächer, die Haare fallen aus, alle Organe geben ihre Funktion auf (Schilddrüsenunterfunktion).

Ich kenne einen Veganer mit Hashimoto. An seinen Werten hat sich nichts verändert, obwohl er sich schon mehre Jahre lang so ernährt. Auch seriöse Quellen veröffentlichen nichts dazu, von den Ärzten von FoK habe ich das auch noch nie gelesen.

Das ist so ähnlich wie mit dem Mist der über diese angebliche Leberreinigung erzählt wird, die Gallensteine beseitigen soll. Was immer da über den Stuhlgang abgeführt wird, Gallensteine sind das nicht. Ich habe auch schon von einer Frau gelesen, die ihre Gallensteine angeblich mit Löwenzahnsirup oder was immer es war beseitigt haben will.

Bei aller Offenheit für alternative Heilungsmaßnahmen: Es gibt einfach Dinge, die sind chemisch gar nicht möglich. Letztlich las ich sogar werbend bei einer Firma, Kokosblütenzucker sei gut gegen Gallensteine. Da habe ich als Betroffene nachgefragt, wie sie das begründen – ja, das sei so laut wissenschaftlichen Aussagen. Ich haben nachgeforscht: In mehreren Blogs wird genau diese Formulierung verwendet. Und worauf verweisen diese Blogs, wenn sie Quellen angeben? Auf das Zentrum der Gesundheit! Dort wird immer noch so viel Mist produziert, dass es einfach schmerzt.

Natürlich weiß dieses Zentrum (zu dem ich absichtlich KEINEN Link setze!) auch was über Hashimoto. So heißt es dort „Menschen mit autoimmunen Störungen haben eines gemeinsam: Darmprobleme“. Na klar, weil sie letztendlich mit allen Organen Probleme haben, auch mit dem Darm. Dann wird wie üblich Wissen mit Blödsinn gemischt.

Dort steht auch, dass die Betroffenen lebenslang künstliche Hormone nehmen müssen, wie furchtbar? Und wenn Glutenunverträglichkeit – wie dort behauptet – für Hashimoto verantwortlich ist: Da müsste doch die Schilddrüsenzerstörung auch mit dem Hormon weitergehen, denn die Unverträglichkeit wird durch das Hormon nicht angegriffen. Wer aber einmal auf eine Dosis Hormon eingestellt ist, muss nicht ständig mehr davon bekommen, die Dosis bleibt über Jahre bis Jahrzehnte konstant.

Nicht zu vergessen, dass auf derselben Seite auch für Produkte bei Glutenunverträglichkeit geworben wird.

Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages ein Plädoyer für die Schulmedizin einlege. Aber leider, leider komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass bei dem vielen Unsinn, der heute über das Internet propagiert wird, die Schulmedizin eine stärkere Stellung für mich hat als viele Jahre vorher, bei allen Einschränkungen, die sie sicher aufweist.