Darf ich bitte älter werden?

Kommentar vom 3. März 2010: „Jugendliches Aussehen“

Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich mit einer sehr guten Freundin über Geburtstage und Alter. Dabei stellten wir beide verblüfft fest, dass wir uns zwar theoretisch der Anzahl der Jahre zwischen uns bewusst waren, aber keine von der anderen jetzt auf Anhieb genau das Alter weiß, und nicht in Begriffen wie „meine ältere Freundin“ oder „meine jüngere Freundin“, sondern einfach als „meine Freundin“ denkt. Wir fanden das beide interessant und auch beruhigend.

Ich vergesse auch zusehends das Alter von Menschen, mit denen ich zu tun habe. Nicht etwa, weil ich vergesslich würde 😆 – ihre Geburtstage merke ich mir ja -, aber es interessiert mich nicht mehr, wie alt jemand ist, sondern nur: Wie verstehe ich mich mit demjenigen? Schwimmen wir auf derselben Wellenlänge? Haben wir ähnliche Bezugspunkte? Gerade die letzte Frage kann natürlich dann mit dem Alter parallel laufen, denn mit meinem 16-jährigen Neffen habe ich einfach durch meine Vergangenheit nicht so viele Bezugspunkte wie mit einer Schulfreundin. Manchmal habe ich aber auch mehr Bezugspunkte mit ihm als mit Männern in meiner Altersklasse, die von der Medienanschauung des Alterns geprägt sind.

Ein Horror ist es auch für mich, anderer Leute Alter zu schätzen. Ich haue garantiert daneben, auch schon mal um ein Jahrzehnt. Deswegen frage ich auch nie, für wie alt ich gehalten werde. Warum mein Gegenüber quälen? Als ich so um die 12 bis 15 Jahre alt war, wurde ich immer älter geschätzt, damals fand ich das toll. Später dann wurde ich auch schon einmal für deutlich jünger gehalten. Anfangs fand ich das schmeichelhaft. Mittlerweile sage ich mir: Ich sehe nicht jünger aus. Ich sehe genauso alt aus, wie ich bin. Allenfalls sehen andere Leute kränker oder mitgenommener aus als ich, das wird dann als „älter“ interpretiert. Oder jemand hatte Glück und führte ein „glatteres“ Leben als ich, das keine Spuren hinterlassen hat. Das wird dann mit gemeinhin als jünger aussehen bezeichnet.

Der Jugendwahn herrscht, das ist bekannt. Alle wehren sich dagegen, auch in den Medien. Erst erzählen sie uns, dass wir mit Würde älter werden sollen (was immer das heißt), und im gleichen Atemzug erfahren wir, wie wir es am besten anstellen, jugendlich bzw. jünger zu wirken. Die Falten müssen weg! Warum eigentlich? Jede Falte an mir erzählt eine Geschichte. Jede Stelle meines Körpers, weiß warum sie so aussieht und sich so anfühlt, wie sie es tut, einerseits natürlich auch als Folge des Älterwerdens, aber eben auch als Ausdruck meines Lebens. Wenn ich mein Gesicht liften ließe – wie würde das zu meinem „Ich“ passen? Wenn ich meine Falten mit Gift wegspritzen ließe: Wie erkenne ich mich dann im Spiegel? Was ist mit den Dingen, über die ich gelacht habe, an die ich mich mit Freude erinnere – werden die auch weggespritzt? Wer in seinem Leben häufig zu- und abgenommen hat, wird unweigerlich die Folgen an der Haut zu sehen bekommen. Wenn ich da jetzt den Chirurgen dran lasse, werde ich ein anderer Mensch? Verschwinden die Gründe für mein Ab- und Zunehmen?

Auch ich lerne Tag um Tag in diese Richtung Selbstbewusstsein zu erwerben, es ist ein stetiger Prozess und es gibt Rückfälle. Leider haben es die Medien und Meinungsmacher geschafft, dass ich auch nicht immer diese Selbstsicherheit meinem Körper gegenüber ausstrahle, wie ich sie an anderen Tagen durchaus empfinde. Es ist ungeheuer schwer, sich davon zu lösen. Vor allem gibt es natürlich auch die wichtige Seite, dass ich mir selbst gefallen muss. Das heißt für mich also nicht, dass ich der Meinung bin, Menschen ab 50 müssten in Jeans – karierter Hemd/Bluse – ärmelloser beiger Weste uniformiert und schmucklos durch die Gegend laufen. Bei der Kleidung, die ich auswähle, orientiere ich mich an meinem Geschmack, an Stücken, in denen ich mich wohl fühle. Das sind heute andere als vor 20 Jahren, denn ich bin eine andere Frau, als ich es vor 20 Jahren war. Bauchfrei, wie es 2008 modern war, habe ich nicht getragen. Nicht etwa, weil ich finde, dass das meinem Alter nicht entspräche, sondern weil ich weiß, dass ich mich nicht darin wohl fühlen würde. Wagemutige Dinge, mit denen ich als Studentin experimentiert habe, reizen mich heute nicht mehr, weil ich die Provokation durch die Äußerlichkeit nicht mehr suchen muss.

Weil aber viele Leute ein gewisses Alter mit gewissen Vorstellungen verbinden und uns sofort in eine enge Schublade stecken, kaum dass sie unser Alter wissen, übergieße ich auch nicht alle Infos über mich mit meinem Geburtsjahr. Warum sollte das wichtig sein? Gelten meine Worte mehr, wenn ich ein bestimmtes Alter habe oder nicht? Ist ein Film aus der Vollwertecke aussagekräftiger, wenn ich 20, 30, 40, 50, 60, 70 oder 80 Jahre alt bin?

Dies alles ging mir durch den Kopf, als ich die HörZu Nr. 7 durchblätterte und auf den Artikel „10 Tipps, die jünger machen“ las. Doch dazu mehr morgen 🙂

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