Heilige Kühe

5. Sep. 2015: Erschreckend

Es begegnet mir nicht nur dort: Während Facebook vollgepflastert ist mit Botschaften wie „Sei offen für Neues!“ gilt das offenbar nur für Neues, das auch ins eigene Bild passt.

Nehme ich einmal die Vollwertkost als Beispiel. Um überhaupt zur Vollwerternährung zu gelangen, haben die meisten von uns eine Öffnung für Neues durchlebt. Nur weil sie frustriert waren vom Alten, aber auch weil sie bereit waren für Neues, konnten sich
Ex-Normalesser der Vollwerternährung zuwenden. Bei vielen läuft automatisch dann die Richtung in „gegen Schulmedizin“, „gegen Impfen“, „gegen Nahrungsmittelergänzung“, „gegen Plastik“, „gegen Tierprodukte“ usw. Aber dann setzt plötzlich eine Denkblockade ein und nichts Neues darf mehr hinzukommen. Da fröstelt es mich.

Da lese ich Beiträge zu Vitamineinnahmen. Vollwertler sind dagegen. Und wenn dann einer berichtet, er habe aber mit einem bestimmten Vitamin bei sich Erfolge gehabt, wenn der Hausarzt von Fällen berichtet, wo dieses Vitamin Leben gerettet hat, da wird das weggeredet. Was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Impfen ist immer schlimm, die Pharmaindustrie ist nur auf das Geld aus, Ärzte sind alle Sklaven der Pharmaindustrie und wissen und können nichts… Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Wohl dem, der weder Pharmaindustrie noch Ärzte braucht. Und nie brauchen wird. Ich kenne Fälle aus der Vollwertszene, wo erst nach Jahren der erfolglosen Rumdokterei mit alternativen Mitteln die Schulmedizin nachweisbar zur Besserung oder Heilung geführt hat. Ich kenne auch Vollwertler, die auch bei striktester Einhaltung der Regeln nur bedingt Erfolg mit ihrer Gesundheit hatten. (Zwischendurch: Ich bin überzeugt, dass die Vollwerternährung immer ein Plus an Gesundheit bringt, aber eben nicht immer vollständig). Ist die Vollwerternährung nicht erfolgreich, kommt sofort als Erklärung „Ah, du hast das nicht richtig gemacht!“ oder „Dann sind es lebensbedingte Umstände!“.

Ich kenne zwei überzeugte Homöopathinnen – deren Leben durch die Schulmedizin gerettet wurde. Einfach, weil auch die Homöopathie Grenzen hat. Natürlich hat auch die Schulmedizin Grenzen. Und leider sind viele Ärzte nur mäßig kompetent.

Kritik an Studien steht hoch im Kurs, auch bei solchen Menschen, die überhaupt nicht wirklich wissen, was eine gute von einer schlechten Studie unterscheidet. Kritik an Studien oder auch Nachhaken ist natürlich immer richtig, aber: Bitte nicht nur an Studien, die das eigene Bild unterstützen. Veganer werden garantiert Studien in Stücke zerfetzen, die den Wert von Fleisch in der Ernährung unterstützen. Sind sie genauso rigoros und kritisch, wenn eine Studie veröffentlicht wird, die berichtet, dass Veganer im Durchschnitt 15 Jahre länger leben als Nicht-Veganer?

Warum ist die China Study so erfolgreich? Weil sie so überragend wissenschaftlich ist? Nein, sicher nicht, denn ich wette, dass 98% der Leser überhaupt die Möglichkeit fehlt, das zu beurteilen. Die Studie passt in die vegane / vegetarische Welle, deshalb ist sie erfolgreich.

Es ist schwer, Dingen gegenüber offen zu sein, die gegen das stehen, was wir selbst zu wissen glauben. Es wird eine Weile dauern, aber dann sollten wir immer alles neu in Frage stellen. Das Einzige, was meinem eigenen Nachhaken bisher immer gut widerstanden hat, ist die Vollwerternährung, bei aller Kritik, die ich an ihr habe. Beim Impfen habe ich mittlerweile die komplette Ablehnung aufgegeben. Der Schulmedizin gestehe ich wieder mehr zu als noch vor wenigen Jahren – was nicht heißt, dass ich ihr nun komplett anhänge und jedes Ärztewort mit Gold umkleide 😉

Es tut sehr weh, einmal gewonnene Überzeugungen wieder offen zu betrachten. Denn es hat viel Arbeit und Zeit gekostet, dorthin zu gelangen. Wenn wir aber wirklich lernen wollen, dann müssen wir mehr von dem lesen, was das unterstützt, was wir nicht glauben, ohne gleich die Scheuklappen anzulegen. Wir müssen nicht unsere eigenen Überzeugung gleich über Bord werfen, aber wir dürfen sie korrigieren. Und diese Korrekturen vermisse ich.

Vor einiger Zeit ging ein Fall einer Veganerin durch Facebook, die nach 7 oder 8 Jahren veganer Ernährung wieder Fleisch isst und sich damit besser fühlt. Den Fall selbst habe ich gar nicht verfolgt, mir reichten die Anmerkungen dazu. Natürlich war alles verkehrt, sie hatte alles falsch gemacht, das war gar nicht haltbar und und und. Welcher Veganer, Hand aufs Herz, hat diesen Fallbericht mit Wohlwollen für diese Frau und Verständnis gelesen? Wie werden denn Berichte gelesen, in denen von Normalessern berichtet wird, die sich nach 3 Wochen Veganismus viel besser fühlen?

Hinterfragt, liebe Leser, hinterfragt! Hinterfragt vor allem das, was euch lieb und heilig ist. Dann bleibt vielleicht ein Körnchen Wahrheit über.

 

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