Strick- und Häkelwaren

5. November 2012: Mal wieder rausgekrost

Während meines Studiums und auch noch einige Jahre danach kannten mich viele Menschen nur mit Strickzeug unterwegs. Ich fand Stricken toll, obwohl nur die wenigsten Stücke für mich selbst waren. Ich trage nämlich Selbstgestricktes nur selten gerne. Keine Ahnung, warum – vielleicht eine Perfektionsmarotte von mir. Jahrelang habe ich meine Stricknadeln nicht mehr angeschaut. Vor ein paar Wochen aber hat es mich wieder gejuckt und ich habe mir Wolle in drei verschiedenen Farben gekauft. Die Farbkombination ist nicht unbedingt jedermanns Geschmack (neongrün – aubergine/lila – eierschal/beige), aber ich finde sie toll :-). Ich habe einen Pullover in Arbeit (es fehlt nur noch der Halsausschnitt). Die Wolle reicht auch noch für Handschuhe und Socken. Auch mit der Häkelei habe ich mich wieder beschäftigt. Da konnte ich ebenfalls feststellen, dass sich einiges getan hat.

Gab es zum Beispiel früher nur Stricksocken, gibt es jetzt ganze Bücher über das Häkeln von Socken. So etwas reizt natürlich meine Neugier. Außerdem hatte ich jemandem einen roten Schal versprochen. Im Geschäft wunderbares Bändchengarn erworben, Nadelstärke 5-6. Klingt gut für einen Schal. Tja, nur leider war die Nadelstärke mit 5-6 völlig falsch angegeben. Selbst mit Häkelnadel Nr. 12 ist es noch fast ein Brett. Eric meinte, vielleicht sollte ich lieber eine kugelfeste Weste verschenken? Ich habe das Garn kurzerhand für die Produktion eines Türabtreters umfunktioniert.

Was mich beim Wiedereinstieg nervt: Anleitungen sind meist völlig wirr und vor allem unsystematisch. Wenn man also nicht dieselbe Wolle hat, die selbe Größe trägt und auf dieselbe Weise strickt…. steht man staunend davor. Ich habe das bei den Handschuhen gemerkt. Die Anleitung finde ich nach wie vor sehr bescheiden. Jetzt, wo ich die Handschuhe fertig habe, verstehe ich den Text. DAS kann nicht Sinn der Sache sein! Auf YouTube ist es auch nicht viel besser: Und jetzt müsst Ihr 4 Maschen so stricken und dann 3 zunehmen (oder so ähnlich). Das spricht mich als organisiert denkenden Menschen nicht an.

Es muss doch Regeln dafür geben, wie zum Beispiel Armausschnitt und Armkugeln miteinander im Verhältnis stehen, denn ich bin sicher, dass diejenigen, die die Modelle entwerfen, nicht herumraten. Deshalb liebe ich Raglanärmel: Das System ist einfach und ich habe es verstanden.

Das Buch zu Häkelhandschuhen von Veronika Hug ist wirklich gruselig. Vielleicht will ja Hug das System nicht wirklich verraten, weil sie noch drei Bücher veröffentlichen will? Dabei gibt sich das ganze so – wie viele andere Bücher auch, als ob uns etwas ganz klar vor Augen geführt würde. Aber wenn ich dann auf Seite 7 lese „Wie Stufe 3 der der Fingerhandschuhe arbeiten (siehe Seite 4/5)“ geht mir schon wieder die Hutschnur hoch. Das erinnert mich an Kochrezepte, wo ich erst an fünf anderen Stellen rumblättern muss, um endlich einfache Bratkartoffeln nachmachen zu können 😉 Anstatt mir irgendwelche Maschenzahlen um die Ohren zu hauen („1. Masche = rechte Mittel-Masche, die folgenden 7 Maschen = Handrücken, folgende Masche = linke Mittel-Masche“) usw., würde sich hier ein Satz anbieten mit der Erklärung, dass die Zunahmen immer an den Seiten vorgenommen werden, stets an einer Seiten-Mittelmasche, und dass das in der ersten Runde zwischen diesen Mittelmaschen 7 Maschen sind, die sich dann pro Reihe durch die Zunahmen erhöhen. Dann nämlich verstehe ich nicht nur das System, sondern habe nach 3 Reihen auch eine ganz einfache Kontrollmöglichkeit, ob ich die Zunahmen alle korrekt durchgeführt habe.

Für alle Nichtstricker: Es geht ja nicht nur ums Stricken. Es ist so ein gruseliger Trend, dass uns einfache Dinge nicht richtig erklärt, sondern eher vergeheimnist werden. Das ist beim Brotbacken so, beim Sauerteig herstellen, beim Sauerkraut. Werden meine Brotrezepte schlechter, wenn ich sie so schreibe, dass sie (fast) jeder nachmachen kann?

Ich bin für gute Erklärungen. Und das dürfen wir im Kleinen genauso verlangen wie im Großen. Vielleicht gibt es eines Tages vernünftig geschriebene Strickanleitungen und für Menschengehirne entworfen Steuererklärungen 🙂