Wie ein Chefredakteur sich zum Deppen macht

Kommentar vom 29. August 2010: Wie dumm darf ein Chefredakteur sein?

Einmal in der Woche wird der Tageszeitung das „Prisma“ beigelegt. Neben einer Übersicht über das Fernsehprogramms gibt es ein paar kleine Artikel und auf Seite 2 ein wenig Klatsch und Tratsch sowie eine kleine Kolumne des Chefredakteurs. Die überfliege ich meist, da steht selten etwas von Belang. Aber in dieser Woche (Ausgabe 34/2010) hat sich der Chefredakteur Detlef Hartlap wirklich einmal für etwas engagiert, beherzt nimmt er Stellung.

Ich las die drei Absätze, ließ das „Prisma“ auf den Tisch sinken und fragte mich spontan: Wie DÄMLICH kann ein Mensch sein, und dennoch einen verantwortlichen Posten einnehmen?

Worum geht’s? Herr Hartlap ist die ganzen Verbote leid: Rauchen dürfen wir nicht mehr, Alkohol ist zum Teufelszeug erklärt und jetzt, man höre und staune, wird uns auch noch das Fleisch verwehrt. Dagegen wehrt er sich mit schlagkräftigen Argumenten. Glaubt er. Im Grunde gibt er nur preis, dass er nicht denken kann. Armer Herr Hartlap.

Dazu sei erwähnt, dass ich weder Rauchern die Zigarette aus dem Munde ziehe noch Fleischessern dauernd erzähle, dass sie zu viel Fleisch essen. Wozu? Hartlap nimmt hier Bezug auf das Buch von Jonathan Safran Foer „Tiere essen“, das mir interessanterweise vor wenigen Tagen von einer Leserin empfohlen wurde. Wo aber beginnt sich jetzt Herrn Hartlaps mangelndes Denkvermögen zu zeigen?

Er schreibt: „… umgeht Foer die Frage nach Alternativen“. Das kann ich nicht beurteilen, weil ich das Buch nicht gelesen habe. Hartlap aber greift jetzt in die Vollen: „Weltweit schwinden die Reiserträge, der Weizen verbrennt, die Böden geben immer weniger her und taugen am Ende nur noch für Schafe, Ziegen und Hühner, also Fleisch.“

Lest euch doch bitte diesen glanzvollen Satz noch einmal durch. Warum wohl geben die Böden immer weniger her? Vielleicht, weil so viel Tierfutter produziert werden muss, dass die menschliche Ernährung zu kurz kommt? Es ist doch bekannt, dass jedes Kilogramm Fleisch teuer mit einem wesentlich höheren Anteil an Energie bezahlt werden muss, der sonst den Menschen zugute käme. Aber ich finde ja den letzten Satz echt den Knaller. Diese armen, armen Böden taugen dann nur noch für Tiere und somit für die Fleischproduktion. Das sind ja ganz neue Erkenntnisse. Dachte ich doch früher in meiner Naivität immer, Tiere würden von dem leben, was auf dem Boden wächst, nicht vom Boden. Aber vermutlich weiß da Herr Hartlap mehr, denn offenbar glaubt er ja, die Tiere würden vom Boden leben. Ey, wenn das so ist, kaufe ich mir nächste Woche ein paar genügsame Hühner, Gänse und Kühle, rupfe das uppige Grün aus meinem Garten (das würde sie sicher nur stören, wenn sie an den Boden wollen) und lasse sie auf meinem kargen Boden glücklich satt werden.

Wobei ich auch weiß, dass es Tiere gibt, die sich in unzugänglichen Gebieten ernähren und arme Völker u.a. ernähren. Das kann aber doch wohl kaum das Ziel sein, und darum geht es auch sicher in dem Foer-Buch nicht, dort steht die Massentierhaltung am Pranger, von der wir in den Industriestaaten uns ernähren, nicht der arme kleine Bauer in den Anden, der seine Ernährung mit Produkten von mageren Bergziegen ergänzt – dies kann ich sagen, auch ohne das Buch von Foer gelesen zu haben.

Und dann setzt Hartlap, der Mutige, noch einen oben drauf „Die Narren des Verbietens zerstören Genuss und Kultur.“ Recht hat der Mann, oder? Ich finde überhaupt, wir sollten alle Verbote abschaffen. Wenn der Raucher am Nebentisch meine Gesundheit zerstören darf, warum soll dann der Taschendieb nicht auch ungestraft einen Zehn-Euro-Schein aus meiner Tasche ziehen? Ist doch auch ein netter kultueller zwischenmenschlicher Zug.

Werbung