Ganz persönlich

Kommentar vom 5. April 2010: „Wech mit dem Henna“

Wer Fotos von mir oder meine Vollwertecken-Videos gesehen hat, weiß, dass ich meine Haare mit Henna färbe. Das erste Mal habe ich das gemacht, als ich so Mitte Zwanzig war. Mit meinen dunklen Haaren brauchte ich damals eine Drei-Stunden-Packung, um wenigstens einen Rotschimmer zu bekommen. Besonders gut nahmen die grauen oder weißen Haare die Farbe an, die ich damals schon hatte. Nicht viel, aber ich habe damit früh angefangen: Mit 16 Jahren entdeckte ich im Spiegel ein weißes Haar. Kurz darauf bekam ich eine Brille für die Fernsicht, und da fühlte ich mich eine Weile ziemlich alt und verbraucht, so nach dem Motto „Der erste Lack ist ab“ 🙂 Das gab sich dann nach einigen Wochen. Das weiße Haar wuchs sich über die Jahre zu einer Strähne aus.

Zwischendurch habe ich dann das Henna mal wieder weggelassen. Drei Stunden mit nassem Kuhmist und einem Turban aus Plastik um den Kopf sind schon sehr lästig. Anfang 40 hatte ich aus verschiedenen Gründen das Gefühl: Ich will mal wieder anders sein! Damals durchzogen feine, kaum sichtbare silberne Haare die Stirnhaare. Ich erinnerte mich an das gute alte Henna und begann wieder zu färben. Neben der Farbe hat Henna noch einen tollen Effekt (was z.B. Frau Kehrbusch in ihrem Buch leider nicht erwähnt): Es ist auch gut für die Haare. So bin ich z.B. vier Jahre lang vier bis fünf Mal in der Woche schwimmen gegangen, ohne Badekappe. Meinen Haaren hat das ganze Chlor nicht geschadet, und ich bin überzeugt, dass Henna mich da gerettet hat.

Mittlerweile wird nach zwei oder drei Wochen ein deutlicher Streifen sichtbar, wenn ich nicht färbe. Vor allem vorne. Seit einiger Zeit trug ich also den Gedanken mit mir herum: Soll ich weiter färben, soll ich aufhören? In Zeiten des Jugendwahns eine Entscheidung, die nicht leicht zu fällen ist: Wer kann sich von solchen Dingen schon gänzlich freimachen? Auch wusste ich nie so genau: Bin ich noch grau oder schon weiß? Eines war mir immer klar: Eines Tages werde ich mit der Färberei aufhören, weil es – sagen wir mal so als Beispiel – meiner Meinung nach unpassend aussieht, wenn eine 80-jährige Frau mit einem feuerroten Schopf durch die Gegend läuft.

Ich habe auch mit Freunden darüber gesprochen. Interessant die Reaktionen: Gleichaltrige (egal, ob Männer oder Frauen) sagen meist mit Schock in der Stimme: Oh nein! Hör bloß nicht auf!! Jüngere preisen dagegen, wie schick doch graue Haare sind, auch wenn sie sich selbst kräftig die grauen Strähnen wegfärben. Meine laienhafte Interpretation: Die einen wollen nicht den Spiegel vorgehalten bekommen, die anderen möchten gerne die Distanz wahren. Es gab auch überzeugende Stimmen für das Weiterfärben: „Du hast ja relativ früh schon die grauen Haare bekommen, warum sollst du dich also quasi ‚älter machen‘ als du bist, denn viele Menschen in deinem Alter haben ja noch keine oder nur wenige graue Haare. Oder „Ach, das passt irgendwie nicht zu dir“. Eine Weile habe ich mich von diesen Argumenten tragen lassen.

Seit etwa 4 Wochen war ich jetzt mit der Färberei überfällig, der Rand am Scheitel widerlich breit. In den letzten Tagen habe ich das Gespräch ganz mit mir alleine geführt und gemerkt, dass ich nicht mehr färben will. Warum eigentlich? Ist es Trotz gegen den Jugendwahn? Sicher nicht, dafür bin ich dann letztendlich zu gleichgültig dem gegenüber, was andere von mir denken. Ist es Resignation und Selbstaufgabe, so nach dem Motto: Ist mir egal, wie ich aussehe? Nein, das sicher auch nicht. Gestern wurde es mir klar: Ich fürchte mich. Es ist Furcht davor, dass ich zu lange warte. Und dann von Rot auf völlig Weiß kippe. So quasi eine Art weiblicher Dorian Grey, und wenn ich dann eines Tages mit dem Färben aufhöre, erkenne ich mich selbst im Spiegel nicht mehr. Der Alterungsprozess hat ja neben seiner Unabwendbarkeit auch ein Gutes: er geht sacht einher. Man beachte, was dies für eine Gnade ist. Stellen wir uns einmal vor, wir würden 70 Jahre lang einen Körper haben wie 20-Jährige und dann am 71. Geburtstag aufwachen und morgens den alten Körper im Spiegel sehen. Das finde ich eine gruselige Vorstellung.

Ich bin ich, ich habe Schwung und Elan, egal ob ich grauhaarig oder rothaarig bin. Das Rot hat mir viele Jahre Spaß gemacht. Jetzt fängt es an, eine Bürde zu werden. Also habe ich heute Morgen zur Schere gegriffen und die Haare ganz kurz geschnitten. Das ist schade, weil sie mir nun eigentlich etwas zu kurz sind für meinen Geschmack. Haare wachsen nach. Und das lange Seitenpony, was ich ja so gerne wieder heranzüchten wollte, lässt sich auch wieder geduldig erarbeiten, dauert halt ein paar Monate länger. Da ich nun nicht wirklich alles bis auf die Kopfhaut runtersäbeln wollte in einem Bürstenschnitt sind noch ein paar rote Tüpferchen da. Also seid gespannt auf den nächsten Vollwerteckenfilm 🙂

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Darf ich bitte älter werden?

Kommentar vom 3. März 2010: „Jugendliches Aussehen“

Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich mit einer sehr guten Freundin über Geburtstage und Alter. Dabei stellten wir beide verblüfft fest, dass wir uns zwar theoretisch der Anzahl der Jahre zwischen uns bewusst waren, aber keine von der anderen jetzt auf Anhieb genau das Alter weiß, und nicht in Begriffen wie „meine ältere Freundin“ oder „meine jüngere Freundin“, sondern einfach als „meine Freundin“ denkt. Wir fanden das beide interessant und auch beruhigend.

Ich vergesse auch zusehends das Alter von Menschen, mit denen ich zu tun habe. Nicht etwa, weil ich vergesslich würde 😆 – ihre Geburtstage merke ich mir ja -, aber es interessiert mich nicht mehr, wie alt jemand ist, sondern nur: Wie verstehe ich mich mit demjenigen? Schwimmen wir auf derselben Wellenlänge? Haben wir ähnliche Bezugspunkte? Gerade die letzte Frage kann natürlich dann mit dem Alter parallel laufen, denn mit meinem 16-jährigen Neffen habe ich einfach durch meine Vergangenheit nicht so viele Bezugspunkte wie mit einer Schulfreundin. Manchmal habe ich aber auch mehr Bezugspunkte mit ihm als mit Männern in meiner Altersklasse, die von der Medienanschauung des Alterns geprägt sind.

Ein Horror ist es auch für mich, anderer Leute Alter zu schätzen. Ich haue garantiert daneben, auch schon mal um ein Jahrzehnt. Deswegen frage ich auch nie, für wie alt ich gehalten werde. Warum mein Gegenüber quälen? Als ich so um die 12 bis 15 Jahre alt war, wurde ich immer älter geschätzt, damals fand ich das toll. Später dann wurde ich auch schon einmal für deutlich jünger gehalten. Anfangs fand ich das schmeichelhaft. Mittlerweile sage ich mir: Ich sehe nicht jünger aus. Ich sehe genauso alt aus, wie ich bin. Allenfalls sehen andere Leute kränker oder mitgenommener aus als ich, das wird dann als „älter“ interpretiert. Oder jemand hatte Glück und führte ein „glatteres“ Leben als ich, das keine Spuren hinterlassen hat. Das wird dann mit gemeinhin als jünger aussehen bezeichnet.

Der Jugendwahn herrscht, das ist bekannt. Alle wehren sich dagegen, auch in den Medien. Erst erzählen sie uns, dass wir mit Würde älter werden sollen (was immer das heißt), und im gleichen Atemzug erfahren wir, wie wir es am besten anstellen, jugendlich bzw. jünger zu wirken. Die Falten müssen weg! Warum eigentlich? Jede Falte an mir erzählt eine Geschichte. Jede Stelle meines Körpers, weiß warum sie so aussieht und sich so anfühlt, wie sie es tut, einerseits natürlich auch als Folge des Älterwerdens, aber eben auch als Ausdruck meines Lebens. Wenn ich mein Gesicht liften ließe – wie würde das zu meinem „Ich“ passen? Wenn ich meine Falten mit Gift wegspritzen ließe: Wie erkenne ich mich dann im Spiegel? Was ist mit den Dingen, über die ich gelacht habe, an die ich mich mit Freude erinnere – werden die auch weggespritzt? Wer in seinem Leben häufig zu- und abgenommen hat, wird unweigerlich die Folgen an der Haut zu sehen bekommen. Wenn ich da jetzt den Chirurgen dran lasse, werde ich ein anderer Mensch? Verschwinden die Gründe für mein Ab- und Zunehmen?

Auch ich lerne Tag um Tag in diese Richtung Selbstbewusstsein zu erwerben, es ist ein stetiger Prozess und es gibt Rückfälle. Leider haben es die Medien und Meinungsmacher geschafft, dass ich auch nicht immer diese Selbstsicherheit meinem Körper gegenüber ausstrahle, wie ich sie an anderen Tagen durchaus empfinde. Es ist ungeheuer schwer, sich davon zu lösen. Vor allem gibt es natürlich auch die wichtige Seite, dass ich mir selbst gefallen muss. Das heißt für mich also nicht, dass ich der Meinung bin, Menschen ab 50 müssten in Jeans – karierter Hemd/Bluse – ärmelloser beiger Weste uniformiert und schmucklos durch die Gegend laufen. Bei der Kleidung, die ich auswähle, orientiere ich mich an meinem Geschmack, an Stücken, in denen ich mich wohl fühle. Das sind heute andere als vor 20 Jahren, denn ich bin eine andere Frau, als ich es vor 20 Jahren war. Bauchfrei, wie es 2008 modern war, habe ich nicht getragen. Nicht etwa, weil ich finde, dass das meinem Alter nicht entspräche, sondern weil ich weiß, dass ich mich nicht darin wohl fühlen würde. Wagemutige Dinge, mit denen ich als Studentin experimentiert habe, reizen mich heute nicht mehr, weil ich die Provokation durch die Äußerlichkeit nicht mehr suchen muss.

Weil aber viele Leute ein gewisses Alter mit gewissen Vorstellungen verbinden und uns sofort in eine enge Schublade stecken, kaum dass sie unser Alter wissen, übergieße ich auch nicht alle Infos über mich mit meinem Geburtsjahr. Warum sollte das wichtig sein? Gelten meine Worte mehr, wenn ich ein bestimmtes Alter habe oder nicht? Ist ein Film aus der Vollwertecke aussagekräftiger, wenn ich 20, 30, 40, 50, 60, 70 oder 80 Jahre alt bin?

Dies alles ging mir durch den Kopf, als ich die HörZu Nr. 7 durchblätterte und auf den Artikel „10 Tipps, die jünger machen“ las. Doch dazu mehr morgen 🙂