Angst vor den Keimen?

22. Feb. 2016: Sauber, sauber

So lautet die Überschrift eines kleinen Artikels im Senioren-Ratgeber vom Februar 2016, Seite 12. Und dann kommt’s:

„Messer, Reibe, Schäler. Küchenhelfer sollte man nach jedem Arbeitsschritt mit heißem Wasser und Spülmmittel abwaschen“. So empfohlen von Forschern aus den USA, denn Keime könnten sonst leicht von einem Lebensmittel auf das andere geschleppt werden.

Na, das ist doch endlich mal wieder eine Meldung nach meinem Herzen. Wir erfahren nicht, in welcher Klein- oder Großstadt die Forscher sitzen, wie sie das festgestellt haben, wer sie bezahlt hat – und vor allem wird ähnlich wie bei den Tests von Tastaturen mal wieder mit keinem Wort erwähnt, wie hoch die Krankheitsrate deshalb ist. Also wie viele Menschen sind denn in den letzten 10 Jahren an Keimen gestorben, die sie von ihrem Küchenmesser auf die Reibe verschleppt haben? Wie viele Personen sind deshalb erkrankt, sei es auch nur leicht? Oder sind die Keime zwar da, aber sie schaden niemandem?

Keime sind überall und wer Keime meiden will, sollte möglichst gar nicht erst ins Freie gehen und Essen auch nur aus sterilen Behältern mit Einmal-Strohhalm nuckeln. Es interessiert mich nicht die Bohne, wie viele Millionen Keime auf meiner Küchenreibe sitzen, solange mir nicht jemand beweisen kann, dass sie mir auch schaden 🙂

Werbung

Ein Produkt, auf das Vollwertler gewartet haben

Kommentar vom 27. April 2011: CereGran: Cere wie Cereals und Gran wie Grain?

Zufällig erfuhr von einem ganz tollen kreativen Bioprodukt. CereGran®. Ich habe bisher auch immer viel Keime und Sprossen gezogen, aber nicht gewusst, dass die noch verbesserungswürdig sind. Zeigt es sich doch immer wieder: Die Natur braucht Nachhilfe, die der Mensch leisten kann und leistet. Allen voran geht die Nahrungsmittelindustrie, sei es Bio oder kommerziell, die nichts, aber auch rein gar nichts auslässt, um die mangelhafte Natur zu verbessern. Zurück zur Natur? Oh wie dumm! Vorne weg zur menschgeformten Natur sollte unser Wahlspruch sein. Und hier zum Auf-der-Zunge-zergehen der wunderbare CereGran-Text, der uns dummen Vollwertlern jetzt endlich mal die Augen öffnet:

Die CereGran-Keimlinge keimen in 5-6 Tagen. In diesem Zeitraum entwickelt sich ein natürliches Optimum an Vitaminen, Spurenelementen und Eiweiß. Dann wird der Keimprozess kontrolliert gestoppt, damit die Keimlinge die gebildeten Vitamine nicht wieder selbst für ihr Wachstum verbrauchen. Dadurch ist CereGran nicht vergleichbar mit selbstgezogenen oder gekauften Sprossen und Keimlingen. Die Nährstoffe werden anschließend durch schonenden Wasserentzug nachweislich stabilisiert – die empfindlichen aktiven Enzyme bleiben dabei erhalten.

So das Zitat. Das möchte ich doch noch im Einzelnen erläutern:

  • Die CereGran-Keimlinge keimen in 5-6 Tagen.
    Das finde ich erstaunlich. Die Keimlinge enthalten nach allem, was ich von Fachleuten weiß, nämlich den höchsten Vitalstoffgehalt, wenn sie nicht zu lange keimen, der Keimling sollte möglichst nicht länger sein als die Frucht selbst. Bei Getreide, und darum handelt es sich hier ja wohl, habe ich nach 5-6 Tagen einen Wald!
  • In diesem Zeitraum entwickelt sich ein natürliches Optimum an Vitaminen, Spurenelementen und Eiweiß.
    Wie wahr.
  • Dann wird der Keimprozess kontrolliert gestoppt, damit die Keimlinge die gebildeten Vitamine nicht wieder selbst für ihr Wachstum verbrauchen.
    Das ist echt der Brüller. Ich stoppe den Keimprozess meiner Keimlinge auch nach 2-3 Tagen „kontrolliert“: Ich nehme sie raus aus dem Keimglas und bewahre sie noch im Kühlschrank auf. Diese Formulierung ist absolute Volksverdummung, soll anspielen und Assoziationen erwecken an „kontrollierter Anbau“ usw.
  • Dadurch ist CereGran nicht vergleichbar mit selbstgezogenen oder gekauften Sprossen und Keimlingen.
    Ach ja? Wieso? Wir stoppen doch alle den Keimprozess kontrolliert, entweder esse ich die Dingelchen kontrolliert oder bewahre sie kontrolliert im Kühlschrank auf. Allerdings unterscheiden sich 5-6 Tage alte Keimlinge wirklich von meinen eigenen: Sie sind nämlich schon zu stark gewuchert 😉
  • Die Nährstoffe werden anschließend durch schonenden Wasserentzug nachweislich stabilisiert
    Oh wie vornehm. Ei, was ist denn ein „schonender Wasserentzug“? Ich nenne das TROCKNEN. Oder sitzen da 1000 kleine Mitarbeiter und melken die Keimlinge vorsichtig, damit sie ihr Wasser abgeben? Das Wort ’nachweislich‘ ist auch immer wunderbar in einem Satz, wenn es da so alleine steht, ohne irgend einen Nachweis. Man beachte hier übrigens auch den lockeren Umgang mit Wörtern wie „Vitamine“ und „Nährstoffe“. Gleich kommen auch noch Enzyme. Dadurch könnte dem Leser nämlich entgehen, dass mit dem „schonenden Wasserentzug“ die ganzen wasserlöslichen Vitamine leider baden gehen.
  • Die empfindlichen aktiven Enzyme bleiben dabei erhalten.
    Ach ja? Welche zum Beispiel? Sind das vielleicht die, die sowieso nicht kleinzubekommen sind?

Es ist einfach unmöglich, wie hier gesundheitsbewussten Menschen mit Begriffsverwechslungen und leerem Wortgeraspel das Geld für getrocknete Keimlinge aus der Tasche gezogen werden soll.

Keime im Speiseeis

Kommentar vom 9. September 2010: Keime im Milcheis

Vor zwei Tagen las ich mit wohligem Gruseln und einer leichten Gehässigkeit einen Bericht in der Tageszeitung, dass in jeder vierten Portion Milcheis Keime entdeckt wurden. Während ich das las, verzehrte ich gerade eine gute Portion cremiges Eis ohne jede Milchprodukte, reine Frucht 🙂

Den Verbraucherschützern reicht die Qualität des Eises nicht, auch halten sie es nicht für hygienisch genug. Ohne das Eis nun verteidigen zu wollen: Aber Keime und Bakterien an sich sind doch überhaupt nichts Bedenkliches, ohne Bakterien im ganzen Körper würden wir kümmerlich eingehen. So sehr ich auch den Milcheisessern ihre Beschwerden gönne 🙂 so finde ich doch diese Berichterstattung mal wieder so typisch ungenau. Was für Keime sind das denn? Salmonellen? Das wäre allerdings bedenklich. Aber diese Redakteure gehören mal wieder zur vereinfachenden Sorte, für die alle Bakterien teuflisch sind. Völlige Sterilität ist aber lebensfeindlich.

Interessant auch daher der kleine Zusatz „Die Bakterien im Eis könnten gesunden Eis-Essern zwar wenig anhaben – bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem aber bereits Magen- und Darmerkrankungen wie etwa Durchfall auslösen.“ Genauso gut könnte ich nun verlangen, dass alle Gasthäuser, Restaurants, Theater, Opernhäuser, Kinos usw. völlige steril gehalten werden und möglichst von jeglicher Außenluft abgeschottet, denn es gibt Menschen, deren Immunsystem so stark geschwächt ist, dass sie nur in solchen künstlichen Umgebungen leben können.

Zwar kommt mir diese Bakterienbelastung im normalen Speiseeis sehr entgegen, weil ich mich dann so viel besser fühle (ohne Milchprodukte ist die Gefahr einer Keimbelastung ja wesentlich geringer), aber andererseits nervt mich dieses Gehampel mit Bakterien und Keimen auch. Vor vierzig Jahren z.B. wurde bereits Speiseeis vom Italiener gerne gekauft. Da gab es noch weniger Kontrollen als heute. Und die Verbraucherschützer fordern natürlich vor allem eins: NOCH mehr und noch stärkere Kontrollen. Denn noch ein schrecklicher Verstoß wurde festgestellt: Bei 20 % der Milcheissorten stammt das Fett nicht aus der Milch. Okay, dass beduppt wird, ist immer doof. Aber ohne Tiereiweiß ist doch nett 🙂

Wir sollten einmal wieder ein normaleres Verhältnis zu unserer Mikro-Umgebung entwickeln, statt vor jedem Keim schreiend davon zu laufen. Ich halte natürlich meinen Kühlschrank sauber – aber putze ihn wie Freunde von mir nicht jede Woche mit Sagrotan. Obst und Gemüse esse ich, wenn nicht gerade Dreck dran hängt, schon viele Jahre ungewaschen. Verbraucherschützer würden mich vermutlich direkt in Quarantäne stecken 🙂

Womit ich jetzt auch nicht meine, dass Schlamperei bei der Speiseeisherstellung genehmigt werden sollte. Bei Milchprodukten drohen halt Salmonellen, damit ist nicht zu spaßen. Vor allem, wenn man ein durch Industriekost geschädigtes Immunsystem hat 🙂