Wir Vollwertler, die Gutmenschen

23. März 2013: Ein Plädoyer gegen die Vollwert-Arroganz

Muss ein Vollwertler Gesundheitsschuhe tragen? Darf ein Vollwertler ein iPad besitzen und mit dem Flugzeug reisen? Ja, darf er gar CDU oder FDP wählen?

Meine Antworten sind ganz klar: einmal „Nein“ und vier Mal „Ja“. Und das sage ich nicht nur, weil ich ab und an fliege, wenn auch ungerne. Das hat aber eher Flugangstgründe. Ein iPad besitze ich zwar nicht, aber andere technische Spielereien: Ja, gerne. Und wen immer ich wähle: die so gerne als obligatorisch in Vollwertkreisen dargestellten Pflicht-Grünen oder Pflicht-Linken sind es auch nicht.

Im Zusammenhang mit meinen Überlegungen zur Anschaffung einer Induktionskochplatte habe ich es wieder erlebt: Der Drang, die Welt zu beglücken. Ich frage: Wer hat Erfahrungen mit Induktionskochen? Da kam nicht viel, aber viel dazu, warum diese und jene sich keinen Induktionsherd gekauft hat, sie hatten nämlich gelesen, dass das so gefährlich ist. Das mag alles sein und diejenigen Kommentatoren mögen bitte nicht böse sein, wenn ich jetzt sage: Danach habe ich nicht gefragt.

Wenn ich irgendwo in einem Blog, den ich regelmäßig verfolge, die Frage läse „Was ist schneller zu verarbeiten, Hühner- oder Schweinefleisch?“ ginge ich persönlich nicht daher und schriebe etwas über die Schädlichkeit von Schweinefleisch. Denn danach war nicht gefragt.

Immer wieder lese ich es: Wer sich zu einer wertvolleren Ernährung entschlossen hat, habe (gefälligst) auch in anderen Lebensbereichen nachhaltig zu sein. Und wie diese Nachhaltigkeit auszusehen hat, darf leider nicht mehr jeder Einzelne für sich bestimmen, sondern das steht fest: Anti-Technik, Pro-Aussteiger, Pro-Selbstversorger, Anti-Plastik, Pro-Gesundheitsschuhe, Anti-Raucher usw., die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Im Gegensatz zum Veganismus kommen doch die meisten Menschen nicht über die Ethik zur Vollwertkost, sondern über Krankheit bzw. gesundheitliche Überlegungen. Dass dies vielleicht bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er sich auch über andere Dinge (Tierhaltung, Plastikverbrauch, Umweltschutz) Gedanken macht, kann sein. Das darf aber meiner Meinung nach nicht zur obersten Vollwertpflicht erhoben werden. Denn das geht an den Grundsätzen der Vollwert wunderbar vorbei. Die Vollwerternährung in „unserer“ Ausprägung wurde von einem Arzt ins Leben gerufen, der sich um die Gesundheit seiner Patienten sorgte. Dass Bruker selbst sich letztlich auch in anderen Dingen engagiert hat, ist seine persönliche Entwicklung.

Ich mag es nicht, wenn Vollwertler z.B. über Raucher die Nase rümpfen. Erstens lebt ein vollwertiger Raucher immer noch besser als ein Zucker-Raucher, zweitens gibt es heute wohl keinen Menschen mehr, der nicht bereits weiß, dass Rauchen schädlich ist. Und drittens nervt mich dieser Anspruch „Ich bin Vollwertler, ich stehe auf einer höheren moralischen Stufe!“ Dem ist keineswegs so. Wieso soll ein Vollwertler moralisch besser sein als ein Entwicklungshelfer in Afrika, der von Zucker und Weißmehl lebt? Wer entscheidet das?

Da haben sich Menschen also entschieden, ihrem Leben eine neue Ernährungsrichtung zu geben, geben alte Denkmuster auf…. und übernehmen häufig dann gerne „politische korrekte“ neue Denkmuster. High Heels und Vollwerternährung? Ha, das geht ja wohl kaum. Wo bleibt die vielgepriesene Toleranz? Sie hört genau da auf, wo sie wirklich anfangen sollte: Fleischesser sind jetzt plötzlich die schlechteren, nicht einfach die „krankeren“ Menschen, Raucher sind sowieso der Abschaum, mit denen reden wir gar nicht mehr. Und wenn jemand mit einem Jäger befreundet ist, meine Güte, da können wir ja gleich mit einem Menschenschlächter zu Bett gehen, oder wie?

Unwissenheit ist Trumpf, Vollwertvorurteile sind prima. Aussteiger sind immer gute Menschen, egal wie eklig sie riechen und wie bequem sie es sich auf dem sozialen Netz machen, das andere durch Arbeit aufbereiten. Ich bin sicher höchst verdächtig, weil ich mich weigere, im Garten etwas anzubauen, weil ich im Zweifelsfalle lieber ein tierfreies Nicht-Biogemüse statt eines raupendurchsetzten Blumenkohls in der Küche verarbeite, weil ich eine Induktionsplatte kaufe, obwohl auf einschlägigen Seiten davor gewarnt wird, weil ich trotz aller Plastefilme selbstständig darüber nachdenken möchte, wie die Menschheit leben kann, wenn alles nur in Holz hergestellt wird, weil ich die Bequemlichkeiten moderner Technik durchaus zu schätzen weiß.

Wenn Vollwerternährung und Engagement im Tierschutz sich treffen – um ein Beispiel herauszugreifen -, so ist das schön. Aber bitte macht es nicht zur Vollwertbürgerpflicht! Für mich ist es ganz wichtig, dass Vollwerkost eine gesunde Ernährungsform ist und bleibt, denn nur dann kann ich andere Menschen davon überzeugen. Wenn ich in der Hinterhand immer gleich einen anderen Rattenschwanz an moralischen Forderungen bereit halte – da mache ich mich unglaubwürdig und am Ende auch lächerlich.

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