Märchen

Märchen liebe ich. Was lag da näher, als selbst ein Märchenbuch zu schreiben? Es sind insgesamt 61 sehr unterschiedliche Märchen geworden. Und sie enthalten moderne Elemente 🙂 Das Buch ist auch zum Anfassen sehr schön: Hardcover, da hat BOD wirklich gute Arbeit geleistet.

Daher bin ich sehr stolz auf das schöne Buch. Und von meinen Testlesern waren alle begeistert. Werbung für mich selbst? Ja, mache ich gern. Macht ja niemand sonst für mich. Ich bin überzeugt von diesem Buch und empfehle es heute aller Welt – zum Selbstlesen und zum Verschenken. Nicht, weil ich damit reich werden will (wobei ich mich nicht dagegen wehren würde 😉 ), sondern weil mir dieses Buch, wie man so schön sagt, ein Herzensanliegen ist. Verschiedene Onlineshops lassen ja hineinschauen und auch ein paar Seiten lesen.

Märchen von heute: 61 wundersame Geschichten. 466 Seiten, Hardcover. Preis 29,99 Euro. (Ute-Marion Wilkesmann).

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Märchenstunde

Die kleine Discoqueen (Teil 3 von 3)

„Okay!“, sagte die kleine Diskoqueen; und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. Als er fertig war, sah er aus wie klares Wasser. „Da hast Du ihn!“ sagte die Hexe und gab der kleinen Diskoqueen die Injektion in die Zunge, die nun stumm war, weder singen, noch sprechen konnte.

Sie konnte die Garage sehen; Partykugeln waren in ihr erloschen. Sie nahm eine Blume von jedem Beet im Park, warf Tausende von Kusshändchen auf die Garage zu und stieg, als die Sonne noch nicht zu sehen war, die kleine Treppe an der Seite der Garage hoch. Der Mond schien herrlich klar. Die kleine Diskoqueen trank den brennenden, scharfen Trank, und plötzlich tat ihr alles weh. Sie fiel in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die Sonne aufging, erwachte sie und hatte immer noch Schmerzen. Aber gerade vor ihr stand ihr schöner Traumprinz, er sah sie mit seinen kohlschwarzen Augen an. Da stellte sie fest, dass sie eine ihrer Meinung nach traumhafte Figur hatte. Sie war ganz nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr großes, langes Haar ein. Der junge Mann fragte sie nach Namen und Adresse, sie sah ihn freundlich und gleichzeitig so betrübt mit ihren schokoladebraunen Augen an; sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er ihre Hand und führte sie in die Garage hinein.

Dort schenkte er ihr Slimfitjeans, eine teure Lederjacke und eine echte Seidenbluse. Obwohl sie wunderschön aussah, war sie aber stumm.

Ein Freund in der Garage stellte die Anlage an, nun tanzten alle sehr schön und wild zu toller Musik. Da schob sich die kleine Diskoqueen auf die kleine Tanzfläche, die leer geräumt worden war, und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte.

Joschua nannte sie sein kleines Findelkind und wollte, dass sie immer bei ihm bleiben solle. Sie durfte auf einer schönen großen Luftmatratze in seiner Garage schlafen.

Er kaufte ihr einen Motorradhelm und sie rasten durch die Wälder und sie folgte ihm überall hin. Jeden Tag entbrannte der junge Mann mehr für sie; er liebte sie, wie man ein gutes, braves Kind liebt; aber nicht wie eine Frau. Aber wenn er sie nicht heiraten würde, dürfte sie auf nie mehr zur Disko zuück.“

„Du bist mir die Liebste,“ sagte Joschua, „denn Du hast das beste Herz von allen. Du erinnerst mich an ein junges Mädchen, das mich im letzten Sturm vor schweren Verletzungen beschützt hat.  „Er weiß nicht, dass ich sein Leben gerettet habe!“ dachte die kleine Diskoqueen; „ich sah das hübsche Mädchen, das er mehr liebt als mich!“ Und die Diskoqueen seufzte tief, weinen konnte sie nicht. „Das Mädchen gehört zur Gemeindejungend“, hat er gesagt; sie kommt nie raus. Ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!“
Aber dann wollte Joschua heiraten und hatte an seine Kusine gedacht. Er küsste vor der Reise die junge Diskoqueen, spielte mit ihren langen Haaren und sie träumte von gemeinsamem Glück.

Am nächsten Morgen fuhren sie zusammen in die nächstgrößere Stadt, wo seine Kusine wohnte. Die kleine Diskoqueen sah sie auch und fand sie wirklich sehr schön mit ihrer gesunden Hautfarbe, den langen dunklen Wimpern und den schwarzblauen treuen Augen.

„Du bist es!“ sagte Joschua, er drückte seine errötende Kusine in seine Arme..“ „Ich bin so happy“, sagte er zur kleinen Diskoqueen. „Ich hatte ganz vergessen, wie schön und nett meine Kusine ist. Du wirst Dich mit mir freuen, denn Du meinst es so gut mit mir wie keiner sonst.“

Am Tag der Hochzeit war die kleine Diskoqueen in Seide und Gold gekleidet und hielt die Schleppe der Braut. Sie dachte nur daran, dass sie bald für immer bei ihrem Vater bleiben müsse, denn nochmal würde er sie nicht gehen lassen.

Während der Hochzeitsfeier wusste sie, dass es der letzte Abend war, an dem sie ihn sehen würde, für den sie ihre Familie und alles verlassen. Die Menschen feierten ausgelassen, bis weit über Mitternacht hinaus; sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Joschua küsste seine schöne Braut, und sie spielte mit seinen schwarzen Haaren, und Arm in Arm gingen sie in die Hochzeitssuite.

Als sie alleine saß, kamen ihre Schwestern herbei gelaufen, alle hatten die Haare abgeschnitten und der Hexe gegeben. Dafür könnten sie den Fluch von der jungen Diskoqueen nehmen, allerdings müsste diese dafür Joschua mit einer Kitzelfeder kitzeln, bis er sich übergeben würde, und zwar noch in der Hochzeits­nacht. Dann würde sie wieder nach Hause zurück­kehren können.

„Unsere alte Oma ist so traurig, dass ihr die weißen Haare ausgefallen sind, genau wie uns die Hexe die Haare mit der Schere abgeschnitten hat. Kitzle Joschua und komm zurück! Beeil Dich! Siehst Du den roten Streifen am Himmel? In wenig Minuten steigt die Sonne auf, und dann hast du keine Chance mehr!“.
Die kleine Diskoqueen stieg an der Wand hoch, bis sie ans Fenster der Hochzeitssuite kam. Sie sah die schöne Braut mit ihrem Kopf auf Joschuas Brust liegen. Sie dachte ans Kitzeln und sah wieder Joschua an, der im Traum seine Braut mit Namen rief. Die Kitzelfeder zitterte in der Hand der Diskoqueen. Aber da warf sie die Feder weit weg. Sie fühlte, wie sie der Wind davontragen wollte. Noch einmal sah sie Joschua an, stürzte sich in die Windrichtung und fühlte, wie ihr Körper weggetragen wurde.

Etwas stieß gegen ihren Kopf, sodass sie bewusstlos wurde. Als sie wieder aufwachte, lag sie in ihrem alten Mädchenzimmer.

„Was passiert jetzt mit mir?“, fragte sie. „Du kommst zu den Stangentänzerinnen!“, erwiderte ihr Vater, der an ihrem Bett saß. Die kleine Diskoqueen sah zur Sonne und zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie weinen.“

„Wir können auch früher aus der Disko hier raus“, flüsterte eine der Tänzerinnen. „Wir ziehen den jungen Männern das Geld aus der Tasche bzw. lassen es uns in den Ausschnitt stecken. Sobald wir zehntausend gesammelt haben, entlässt uns und auch dich dein Vater aus dem Vertrag.“

Märchenstunde

Die kleine Discoqueen (Teil 2 von 3)

Die kleine Diskoqueen fand das Wetter irgendwie lustig, aber als sie den jungen Mann leblos unter dem Abfall sah, wusste sie, dass er in Gefahr war; sie kämpfte sich durch den Sturm und den Abfall. Einen Augenblick war es so dunkel, dass sie die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Dann sah sie den heruntergefallenen Ast, der den jungen Mann zu zerquetschen drohte. Mit aller Kraft zog sie daran, Gegenstände flogen durch die Luft, und sie vergaß völlig, dass sie hätte zerquetscht werden können. Er hätte sterben müssen, wäre die kleine Diskoqueen nicht hinzugekommen. Sie hielt seinen Kopf hoch, küsste ihn, bis er raspelnd atmete.
Am nächsten Morgen war das schlechte Wetter vorbei. Viele junge Mädchen gingen durch den Park. Da versteckte sich die kleine Diskoqueen wieder, sodass niemand sie sehen konnte, und dann passte sie auf, wer zu dem armen jungen Mann kommen würde.

Binnen kurzem kam ein junges Mädchen dorthin; sie schien sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick; dann holte sie mehrere Menschen zu Hilfe, und die Diskoqueen sah, dass der junge Motorradfahrer zum Leben zurückkehrte, und dass er alle rings herum anlächelte. Aber zu ihr lächelte er nicht; er wusste ja auch nicht, dass sie ihn gerettet hatte; sie fühlte sich so betrübt, und als er mit dem Motorrad davon fuhr, ging sie traurig in das Haus ihres Vaters zurück.

Sie wurde noch stiller und nachdenklicher, als sie sowieso gewesen war. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal in der Stadt gesehen habe, aber sie erzählte nichts.

Häufig ging sie jetzt in den Park, aber den jungen Mann sah sie nicht und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern erzählte es ihren Schwestern; sie sagten es nicht weiter, außer ihren nächsten Freundinnen. Eine von ihnen wusste, wer der junge Mann war; sie gab an, woher er war und wo seine Garage lag.
„Komm, Schwester!“ sagten ihre beiden Schwestern; und, sich umschlungen haltend, gingen sie nachts zu Joschuas Garage.

Diese war aus einer hellgelben glänzenden Steinart gebaut. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in die große Garage hinein, wo mehrere Motorräder und Werkzeugkästen standen. Nun wusste sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche Nacht hinter dem Fenster und betrachtete Joschua, der glaubte, er sei ganz allein dort.

Sie sah ihn manchen Abend mit einem seiner Motorräder fahren. Sie hörte ihn manchmal nachts, wenn andere Freunde mit ihren Freundinnen kamen, dass sie so viel Gutes von ihrem Traumprinzen erzählten; und sie freute sich, dass sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtot unter dem Ast lag. Sie dachte daran, wie fest sein Kopf an ihrem Busen geruht, und wie herzlich sie ihn da geküsst hatte; er wusste natürlich nichts davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.

Mehr und mehr wünschte sie sich, mitten in der Stadt zu wohnen.

„Kann ich denn gar nicht ausziehen?“, fragte sie ihre Großmutter. „Nein!“, sagte diese. „Nur wenn ein Mensch Dich so lieben würde, daß Du ihm wichtiger wärst als alle und alles andere; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an Dir hinge und dich heiraten würde, dann würde der Vater dich gehen lassen. Aber denke dran: Was wir hier schön finden, deine breiten Hüften, deine kräftigen Beine, deine vollen Wangen, finden sie dort in der Stadt hässlich; sie verstehen es eben nicht besser; man muß dort wıe ein Skelett aussehen, um schön zu sein!“

Da seufzte die kleine Diskoqueen und sah betrübt ihr molliges Konterfei im Spiegel. Abends ging die kleine Diskoqueen aus ihrem Garten hinaus zu der angeblichen Hexe. Den Weg hatte sie früher nie zurückgelegt. Das Haus war dunkel und Furcht einflößend. Die kleine Diskoqueen blieb vor dem Häuschen ganz erschreckt stehen; ihr Herz pochte vor Furcht; fast wäre sie umgekehrt; aber da dachte sie an den Traumprinzen und bekam Mut. Sie klopfte an die Tür, da öffnete ihr eine alte Frau in dreckigen Lumpen, schlechten Zähnen und mit Fingern wie Krallen. „Ich weiß schon, was Du willst!“, sagte die Frau „Es ist zwar dumm von Dir, doch sollst Du Deinen Willen haben, denn er wird Dich ins Unglück stürzen, meine schöne Diskoqueen. Du willst gern zwei schlanke wohlgeformte Beine haben, damit der junge Mann sich in dich verliebt.“ Dabei lachte die Hexe laut und widerlich. „Ich werde Dir einen Trank bereiten, mit dem musst du, bevor die Sonne aufgeht, in den Park gehen, dich dort auf die weiße Bank setzen und ihn trinken; dann schrumpfen deine Beine zu dem, was die Stadtmenschen wunderschöne Beine nennen, aber es tut weh. Alle, die dich sehen, werden sagen, Du seiest das schönste Mädchen, das sie je gesehen hätten. Aber du wirst bei jedem Schritt Schmerzen haben. Willst du das trotzdem?“ „Ja!“, sagte die kleine Diskoqueen mit bebender Stimme, und dachte an den jungen Mann.
„Denke aber dran,“ sagte die Hexe; „hast Du erst einmal diese Veränderung vollzogen, kannst Du nie wieder eine Diskoqueen werden! Du kannst nie zum Haus deines Vaters zurückkehren. Gewinnst du Joschuas Liebe nicht, so wird am ersten Morgen, nachdem er mit einer anderen verheiratet ist, dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf den Baumkronen.“

„Ich will es,“ sagte die kleine Diskoqueen und war bleich wie der Tod. „Aber mich musst Du auch bezahlen!“, sagte die Hexe; „das ist nicht wenig: du musst mir deine Stimme geben.“

„Aber wenn Du meine Stimme nimmst,“ sagte die kleine Diskoqueen, „was bleibt mir dann übrig?“ „Deine Modellfigur,“ sagte die Hexe, „Dein schwebender Gang und Deine sprechenden Augen; damit kannst Du schon einem Mann den Kopf umdrehen. Strecke Deine kleine Zunge hervor, dann gebe ich dir eine Spritze und du erhältst den kräftigen Trank!“

Märchenstunde

Teil 2/2 – Die Highheel-Katze

Die Katze aber war vorausgegangen und zu einer großen Wiese gekommen, wo über hundert Leute waren und einen Platz asphaltierten. „Wem ist der Platz, ihr liebe Alle?“ fragte die Katze. „Dem reichen Banker.“ – „Hört, jetzt wird gleich der Bundeskanzler vorbeifahren, wenn er wissen will, wem der Platz gehört, so antwortet: der Ministerin von Nieder­sachsen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle entlassen.“ Darauf ging die Katze weiter und kam an ein Kornfeld, so groß, dass es niemand übersehen konnte; da standen mehr als zweihundert Leute und schnitten das Korn. „Wem gehört das Korn, ihr Leute?“ – „Dem reichen Banker.“ – „Hört, jetzt wird gleich der Bundeskanzler vorbeifahren, wenn er wissen will, wem das Korn gehört, so antwortet: der Ministerin von Niedersachen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle entlassen.“ Endlich kam die Katze an einen prächtigen Regenwald, da standen mehr als dreihundert Leute, fütterten vom Aussterben bedrohte Tiere und schützten das seltene Holz. „Wem ist der Wald, ihr Leute?“ – „Dem reichen Banker.“ – „Hört, jetzt wird gleich der Bundeskanzler vorbeifahren, wenn er wissen will, wem der Wald gehört, so antwortet: der Ministerin von Nieder­sachen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle entlassen.“ Die Katze ging noch weiter, die Regenwaldaktivisten sahen ihr alle nach, und weil sie so geil aussah, und wie ein Mensch in High Heels daherging, fürchteten sie sich vor ihr. Die Katze kam bald an des reichen Bankers riesige Villa, trat keck hinein und vor diesen hin. Der Banker sah sie verächtlich an, dann fragte er sie, was sie wolle. Die Katze verbeugte sich tief und sagte: „Ich habe gehört, dass du unendlich reich bist; was das Wechseln deines Reichtums in ein paar Fünzigeuroscheine betrifft, da will ich es wohl glauben, aber Hunderteuroscheine, das scheint mir ganz unmöglich, und deshalb bin ich gekommen, um mich selbst zu überzeugen.“ Der Banker sagte stolz: „Das ist für mich eine Kleinigkeit,“ legte in einem Augenblick einen Stapel Hunderteuroscheine auf den Tisch. „Das ist viel,“ sagte die Katze, „aber auch in Goldbarren?“ – „Das ist auch nichts,“ sagte der Banker, dann legte er Goldbarren vor die Katze. Die Katze stellte sich erschrocken und rief: „Das ist unglaublich und unerhört, dergleichen hätt ich mir nicht im Traume in die Gedanken kommen lassen; aber noch mehr, als alles andere, wär es, wenn du alles in hoch dotierte Aktien tauschen könntest. Du hast gewiss mehr als irgendein Banker auf der Welt, aber das wird dir doch zu viel sein.“ Der Banker fühlte sich geschmeichelt und sagte: „O ja, liebes Kätzchen, das kann ich auch,“ und legte einen großen Stapel Aktien auf den Tisch. Die Katze ergriff sie sofort, zerriss sie und beförderte den Banker mit einem Fußtritt der spitzen Absätze in den Keller.

Der Bundeskanzler aber war mit der Ministerin von Niedersachsen und seinem Sohn weiter spazieren gefahren und kam zu dem großen Platz. „Wem gehört der Platz?“ fragte der Bundeskanzler. „Der Frau Ministerin,“ riefen alle, wie die Katze ihnen befohlen hatte. „Ihr habt da ein schönes Stück Land, Frau Ministerin,“ sagte der Bundeskanzler. Danach kamen sie an das große Kornfeld. „Wem gehört das Korn, ihr Leute?“ – „Der Frau Ministerin.“ – „Ei! Frau Ministerin! Große, schöne Ländereien!“ – Darauf  beim Regenwald: „Wem gehört das Holz, ihr Leute?“ – „Der Frau Ministerin.“ Der Bundeskanzler verwunderte sich noch mehr und sagte: „Ihr müßt eine reiche Frau sein, Frau Ministerin, ich glaube nicht, dass ich einen so prächtigen Wald habe.“ Endlich kamen sie an die Bankervilla, die Katze stand oben an der Treppe, und als der Wagen unten hielt, sprang sie herab, machte die Türe auf und sagte: „Herr Bundeskanzler, Ihr gelangt hier in die bescheidene Hütte meines Frauchens, der Ministerin von Niedersachsen, die diese Ehre überaus glücklich machen wird.“ Der Bundeskanzler stieg aus und verwunderte sich über das prächtige Gebäude, das fast größer und schöner war als seine Residenz; die Ministerin aber führte den Sohn des Bundeskanzlers die Treppe hinauf in den Saal, der ganz von Gold und Edelsteinen flimmerte.

Da verliebten sich der Sohn und die Ministerin auf der Stelle und als der Bundeskanzler starb, ward sie Bundeskanzlerin, die Katze mit den High Heels aber Ministerpräsidentin.

Märchenstunde

Teil 1/2

Die Highheel- Katze

Es war einmal ein Bäckermeister, der hatte drei Kinder, seine Bäckerei mit Café, einen Kleinwagen und eine Katze; die Kinder mussten in den Verkauf, mit dem Kleinwagen Zutaten holen und Gebäck wegfahren, die Katze dagegen die Mäuse wegfangen. Als der Bäckermeister starb, teilten sich die drei Kinder die Erbschaft: Die älteste Tochter bekam die Bäckerei, der Sohn den Kleinwagen, die jüngste Tochter die Katze. Da war sie traurig und sprach zu sich selbst: „Mir ist es doch recht schlimm ergangen, meine ältere Schwester kann Geld in der Bäckerei verdienen, mein Bruder in seinem Kleinwagen rumfahren – was kann ich mit der Katze anfangen? Ich bringe sie in ein Tierheim, dann ist’s vorbei.“

„Hör mal,“ fing die Katze an „du brauchst mich nicht wegzuschicken; lass mir nur ein Paar High Heels machen, dass ich mich unter Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.“ Die Tochter wunderte sich, dass die Katze sprach, weil aber eben der Schuster vorbeiging, rief sie ihn herein und ließ der Katze High Heels anmessen. Als sie fertig waren, zog die Katze die neuen Schuhe an, nahm einen Rucksack, machte dessen Boden voll mit Räuchertofu, dann warf sie ihn über den Rücken und ging auf zwei Beinen, wie ein Mensch, zur Tür hinaus.

Damals regierte ein Bundeskanzler im Land, der aß so gerne Schnitzel: Es war aber eine Not, dass keine zu kriegen waren. Der ganze Wald war voller Schweine, aber sie waren so scheu, dass kein Jäger sie erreichen konnte. Das wusste die Katze und gedachte ihre Sache besserzumachen; als sie in den Wald kam, machte sie ihren Sack auf, breitete den Tofu auseinander. Da versteckte sie sich selber, stakste herum und lauerte. Ein paar Spaziergänger kamen bald gelaufen, fanden den Tofu  – und einer nach dem andern warf Paniermehl in den Rucksack hinein. Als genug drinnen war, zog die Katze den Sack zu, dann warf sie den Sack auf den Rücken und ging geradewegs zur Residenz des Bundeskanzlers. Die Security rief: „Halt! Wohin?“ – „Zum Bundes­kanzler!“ antwortete die Katze. „Bist du toll, eine Katze und zum Bundeskanzler?“ – „Lass sie nur gehen,“ sagte ein anderer, „der Bundeskanzler hat doch oft Langeweile, vielleicht macht ihm die Katze mit ihrem Miauen Vergnügen.“ Als die Katze vor den Bundeskanzler kam, machte sie eine tiefe Verbeugung und sagte: „Lieber Herr Bundeskanzler“, dabei nannte sie einen langen Doppelnamen, „lässt sich dem Herrn Bundeskanzler empfehlen und schickt ihm hier Tofuschnitzel“; wusste der sich vor Freude nicht zu fassen und befahl der Katze, so viel Gold aus der Schatzkammer in ihren Rucksack zu tun, wie sie nur tragen könne: „Das bringe deinem Frauchen, und danke ihr vielmals für ihr Geschenk.“

Die arme Bäckermeistertochter aber saß zu Haus am Fenster, stützte den Kopf auf die Hand und dachte, dass sie nun ihr letztes Geld für die High Heels der Katze weggegeben habe, und die ihr wohl nichts Besseres dafür bringen könne. Da trat die Katze herein, warf den Rucksack vom Rücken, schnürte ihn auf und schüttete das Gold vor die junge Frau hin: „Da hast du etwas Gold vom Bundeskanzler, der dich grüßen läßt und sich für die Tofuschnitzel bei dir bedankt.“ Die Bäckermeistertochter war froh über den Reichtum, ohne dass sie so recht begreifen konnte, wie es zugegangen war. Die Katze aber, während sie ihre High Heels auszog, erzählte ihr alles; dann sagte sie: „Du hast jetzt zwar Geld genug, aber dabei soll es nicht bleiben; morgen ziehe ich meine High Heels wieder an, dann sollst du noch reicher werden; dem Bundeskanzler habe ich nämlich gesagt, dass du eine hochgestellte Ministerin aus Niedersachsen bist.“ Am andern Tag ging die Katze, wie sie gesagt hatte, gestylet mit den High Heels, wieder in den Wald und brachte dem Bundeskanzler einen reichen Fang. So ging es alle Tage, und die Katze brachte alle Tage Gold heim und ward so beliebt beim Bundeskanzler, dass sie in der Residenz ein- und ausgehen durfte. Einmal stand die Katze in der Küche des Schlosses beim Herd und wärmte sich, da kam der Chauffeur und fluchte: „Ich wünsche, der Bundeskanzler mit dem Sohn wäre beim Henker! Ich wollte zu Burger King gehen, mal was Richtiges essen, da sollt ich sie spazierenfahren an den See.“ Wie die Katze das hörte, schlich sie nach Haus und sagte zu ihrem Frauchen: „Wenn du eine Ministerin bist und reich werden willst, so komm mit mir hinaus an den See und bade darin.“ Die Bäckerstochter wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, doch folgte sie der Katze, ging mit ihr, zog sich splitternackt aus und sprang ins Wasser. Die Katze aber nahm ihre Kleider, trug sie fort und versteckte sie. Kaum war sie damit fertig, da kam der Bundeskanzler dahergefahren; die Katze fing sogleich an, erbärmlich zu lamentieren: „Ach! Allergnädigster Bundeskanzler! Meine Gebieterin, die hat sich hier im See zum Baden begeben, da ist ein Dieb gekommen und hat ihr die Kleider gestohlen, die am Ufer lagen; nun ist die Frau Ministerin im Wasser und kann nicht heraus, und wenn sie sich noch länger darin aufhält, wird sie sich erkälten und sterben.“ Wie der Bundeskanzler das hörte, ließ er anhalten und einer seiner Leute musste zurückrasen und Kleider von der Bundeskanzlergattin holen. Die Ministerin zog dann auch die teuren Kleider an, und weil ihr ohnehin der Bundeskanzler wegen der Tofuschnitzel, die er meinte, von ihr empfangen zu haben, gewogen war, so musste sie sich zu ihm in die Nobelkarosse setzen. Der Sohn des Bundeskanzlers war auch nicht bös darüber, denn die Ministerin war cool und schön, und sie gefiel ihm gut.

Für diese Woche: genug Märchen

Schneewitterich (Teil 3/3)

Schneewitterich schaute heraus und sprach: „Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen!“ „Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein,“ sprach der Alte, zog den neonfarbenen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, dass es sich betören ließ und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach dr Alte: „Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.“ Der arme Schneewitterich dachte an nichts, ließ den Alten gewähren, aber kaum hatte er den Kamm in die Haare gesteckt, als die Farbe dem Jungen nicht mehr gefiel und er sich stumm fallen ließ. „Du Ausbund von Schönheit,“ sprach der boshafte Alte, „jetzt ist’s um dich geschehen,“ und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein:innen nach Haus kamen. Als sie Schneewitterich wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich den Stiefvater in Verdacht, suchten nach und fanden den neonfarbenen Kamm. Und kaum hatten sie ihn herausgezogen, so kam Schneewitterich wieder auf die Beine und erzählte, was vorgegangen war. Da warnten sie ihn noch einmal, auf seiner Hut zu sein und niemand die Türe zu öffnen. Der Bundeskanzler stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“

Da antwortete er wie vorher:

„Herr Bundeskanzler, Ihr seid der Schönste hier,
Aber Schneewitterich über den Bergen
Bei den sieben Zwerg:innenn
Ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Als er den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. ,Schneewitterich soll mir aus den Augen,“ rief sie, „und wenn es viel kostet!“ Darauf ging er in eine ganz verborgene, einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen vergammelten Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, dass jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon aß, der musste sich übergeben. Als der Apfel fertig war, färbte er sich das Gesicht und verkleidete sich in einen Bauern, und so ging er über die sieben Berg:innen zu den sieben Zwerg:innenn. Er klopfte an. Schneewitterich streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach: “ Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerg:innen haben mir’s verboten!“ – „Mir auch recht,“ antwortete der Bauer, „meine Äpfel will ich schon loswerden. Da, einen will ich dir schenken.“ – „Nein,“ sprach Schneewitterich, „ich darf nichts annehmen!“ – „Fürchtest du dich vor Gammel?“ sprach der Alte, „siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iss, den weißen will ich essen “ Der Apfel war aber so künstlich gemacht, dass der rote Backen allein innen gammelig war. Schneewitterich lusterte den schönen Apfel an, und als er sah, dass der Bauer davon aß, so konnte er nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die gammelige Hälfte. Kaum aber hatte er einen Bissen davon im Mund, so wurde ihm elend und er schlief ein. Da betrachtete ihn der Bundeskanzler mit grausigen Blicken und lachte überlaut und sprach: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerg:innen nicht wieder retten.“ Und als er daheim den Spiegel befragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“

so antwortete er endlich:

„Frau Bundeskanzlerin, Ihr seid der Schönste im Land.“

Da hatte ein neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.
Die Zwerglein:innen, wie sie abends nach Haus kamen, fanden Schneewitterich auf der Erde liegen, und schlafen. Sie hoben ihn auf und suchten, ob sie was Ungewöhnliches fänden, wuschen es mit kohlensäurefreiem Wasser und alkoholfreiem Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war müde und blieb müde. Sie legten ihn auf ein Bett und setzten sich alle siebene daran und langweilten sich drei Tage lang. Da wollten sie ihn schlafen lassen, aber er sah noch so frisch aus wie ein wacher Mensch und hatte noch seine schönen, roten Backen. Sie sprachen: „Das können wir nicht auf unserem hässlichen Sofa liegen lassen,“ und ließen ein Sofa aus güldenem Leder machen, legten ihn darauf hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf und dass er ein Bundeskanzlerssohn wäre. Dann setzten sie das Sofa vor die Tür, und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und bestaunten Schneewitterich, erst ein Eulerich, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen (*). Nun lag Schneewitterich lange Zeit auf dem Sofa und schnarchte nicht, sondern sah aus, als wenn er fröhlich schliefe. Es geschah aber, dass eine Amazone in den Wald geriet und zu dem Zwerg:innennhaus kam, da zu übernachten. Sie sah auf dem Berg das Sofa und den schönen Schneewitterich und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach sie zu den Zwerg:innenn: „Lasst mir das Sofa, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt “ Aber die Zwerg:innen antworteten: „Wir geben ihn nicht für alles Gold in der Welt.“ Da sprach sie: „So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewitterich zu sehen, ich will ihn ehren und hochachten wie mein Liebstes.“ Wie sie so sprach, empfanden die guten Zwerglein:innen Mitleid mit ihr und gaben ihm das Sofa. Die Amazone ließ ihn nun von ihren Diener:innen auf den Schultern forttragen. Da geschah es, dass sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr das gammelige Apfelstück, das Schneewitterich abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange, so öffnete er die Augen, richtete sich auf und war wieder munter. „Ach Gott, wo bin ich?“ rief er. Die Amazone sagte voll Freude: „Du bist bei mir,“ und erzählte, was sich zugetragen hatte, und sprach: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meiner beiden Mütter Schloss, du sollst mein Gemahl werden.“ Da war ihr Schneewitterich gut und ging mit ihr, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet. Zu dem Feste wurde aber auch Schneewitterichs gottloser Stiefvater eingeladen. Wie er sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat er vor den Spiegel und sprach:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete:

„Herr Bundeskanzler, Ihr seid der Schönste hier,
Aber der junge Bundeskanzler ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da stieß der böse Alte einen Fluch aus. Er wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen, doch ließ es ihm keine Ruhe, er musste fort und den jungen Bundeskanzler sehen. Und wie er hineintrat, erkannte er Schneewitterich, und vor Angst und Schrecken stand er da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon Samtpantoffel mit etwas Juckpulver gefüllt und wurden mit Handschuhen hereingetragen und vor ihn hingestellt. Da musste er einmal in die juckenden Schuhe treten und einmal tanzen, bis er neue Schuhe bekam.

Märchenstunde

Schneewitterich (Teil 1/3)

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß die Frau eines Bundeskanzlers an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und las ein kluges Buch. Und wie sie so las und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Körperflüssigkeit in den Schnee. Und weil das im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Körperflüssigkeit und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie einen Sohn, der war so wie gewünscht, und ward darum Schneewittcherich (Schneeweißerich) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Frau des Bundeskanzlers. Über ein Jahr heirate der Bundeskanzler einen schönen jungen Mann, aber der war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, dass er an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Er hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn er vor den trat und sich darin beschaute, sprach er:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“

so antwortete der Spiegel:

„Herr Bundeskanzler, Ihr seid der Schönste im Land.“

Da war er zufrieden, denn er wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Schneewitterich aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als er sieben Jahre alt war, war er so schön, wie der klare Tag und schöner als der angeheiratete Bundeskanzler selbst. Als dieser einmal seinen Spiegel fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist der Schönste im ganzen Land?“

so antwortete er:

„Herr Bundeskanzler, Ihr seid der Schönste hier,
Aber Schneewitterich ist tausendmal schöner als Ihr.“

Da erschrak der Bundeskanzler und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn er Schneewitterich erblickte, kehrte sich ihm das Herz im Leibe herum – so hasste er den Jungen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in seinem Herzen immer höher, dass er Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief er eine Jäger:in und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will’s nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es mit einer Feder kitzeln und mir eine Sprachnachricht als Wahrzeichen mitbringen.“ Die Jäger:in gehorchte und führte es hinaus, und als er die Hirschfeder gezogen hatte und Schneewitterichs unschuldiges Herz kitzeln wollte, fing er an zu weinen und sprach: „Ach, lieber Jäger (m/w/d), lass mich ungeschoren! Ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heimkommen.“ Und weil er gar so schön war, hatte die Jäger:in Mitleiden und sprach: „So lauf hin, du armes Kind!“ Die wilden Tiere werden dich bald entführt haben, dachte sie/er, und doch war’s ihr/ihm, als wäre ein Stein von ihrem/seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu kitzeln brauchte. Und als gerade ein junger Frischling dahergesprungen kam, kitzelte er ihn, nahm das Kichern auf und brachte die Aufnahme als Wahrzeichen dem Bundeskanzler mit. Der Koch (m/w/d) musste die Aufnahme beim Essen vorspielen, und der boshafte Mann hörte zu und meinte, er hätte Schneewitterichs Kichern gehört. Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, so lange nur die Füße noch fortkonnten, bis es bald Abend werden wollte. Da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, dass es nicht zu sagen ist. Da stand ein weiß gedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäbellein und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Schneewitterich, weil er so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs‘ und Brot und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Smoothie; denn es wollte nicht einem alles wegnehmen. Hernach, weil er so müde war, legte er sich in ein Bettchen, aber keins passte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war; und darin blieb er liegen, befahl sich Gott und schlief ein.

Einstimmung auf Advent

Märchen gehören in die Adventszeit auch besonders gut. Manchmal sind sie nicht mehr ganz zeitgemäß. Wer soll sie da noch verstehen? 😉 Aber das lässt sich ja ändern…

Die Spielautomateneuros

Es war einmal ein kleines Mädchen, ein Einzelkind, dessen Eltern gestorben waren. Das Jugendamt hatte es vergessen, und das Mädchen war so arm, dass es keine Wohnung hatte, kein Bett zum Schlafen und nichts Vernünftiges zum Anziehen. Außerdem hatte es eine Portion Currywurst mit Pommes in der Hand, die ihm ein mitleidiger Mensch geschenkt hatte. Das Mädchen hatte aber einen edlen und guten Charakter. Weil es so ganz allein war, ging es im Vertrauen auf ein gutes Schicksal durch die verlassene Stadt.

Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: „Bitte gib mir etwas zu essen, ich habe so einen Schmand.“ Es reichte ihm die ganze Portion Currywurst mit Pommes und sagte: „Gott segne es dir“, und ging weiter. Da kam ein Junge, der jammerte: „Mir ist so kalt am Kopf, ich hole mir den Tod, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.“ Da nahm das Mädchen seine Fleecemütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile weitergegangen war, kam wieder ein Kind und hatte keinen Anorak an und fror: Da gab es ihm seinen; und noch weiter, da bat eines um seine Slim-Fit-Jeans, die gab es auch ab. Schließlich gelangte es in einen Stadtpark, und es war schon dunkel geworden. Da kam noch ein Kind und bettelte um ein Unterhemd. Das fromme Mädchen dachte: „Es ist schon dunkel, da sieht mich niemand, ich kann wohl mein Hemd abgeben.“ Es zog das Hemd aus und gab es auch noch weg.

Wie es so stand und gar nichts mehr hatte, entdeckte es auf einmal einen alten rostigen Spielautomaten, aus dem sprangen lauter nagelneue Zwei-Euro-Stücke. Und obwohl es alle seine Sachen abgegeben hatte, war es jetzt in neue Jeans mit Rissen am Knie und einer wattierten Jacke angezogen, auf dem Rücken hatte es einen Reiserucksack. Da sammelte es die Münzen, bis der Rucksack voll war und hatte Geld genug für den Rest seines Lebens.

Ein Gast-Märchen (Teil 2 von 2)

25. Juli 2014: Vollwertmärchen Teil 2 von 2 (Gastbeitrag)

Dann, nachdem die Frau eine lange Zeit innerlich sehr gelitten hatte, kam ihr ein Einfall.

Sie sprach zu ihrem Mann: „Wenn dir ein Mensch begegnete, der dir glaubhaft versicherte, dass es einen Weg gäbe, die Krankheit zu heilen, der dir sagte, dass es ganz einfach sei, dass du nur ein Pulver kaufen müsstest, das du drei Monate lang dreimal täglich in Wasser auflösen und trinken müsstest, dass du nichts weiter zu tun hättest, dass die Wirkung des Mittels in vielen wissenschaftlichen Studien bewiesen worden wäre und dass die Krankenkasse alle Kosten übernähme – würdest du dem Pulver eine Chance geben …?“

Der Mann dachte nur kurz darüber nach. Diese Möglichkeit hörte sich mehr als verlockend an. Wer würde da nicht sofort zugreifen? Wenn medizinische Forscher solch ein Mittel entdeckt und erforscht hätten, wenn sie Studien zu seiner Wirksamkeit gemacht hätten, wenn es sogar die Krankenkasse überzeugt hätte und sie die Kosten übernähme – warum sollte man es dann nicht probieren?
Er nickte und antwortete: „Ja, natürlich, warum nicht? Ich wäre froh, wieder ohne die Krankheit leben zu können! Ist ein neues Mittel entwickelt worden?“
Die Frau bekam ein trauriges Gesicht. „Nein“, gestand sie. „Es ist kein neues Mittel entwickelt worden.“
„Warum sagst du dann so etwas und machst mir Hoffnung?“, forderte der Mann zu erfahren.

„Ich habe noch eine Frage an dich“, entgegnete die Frau statt einer Antwort. „Wenn dir ein Mensch begegnete, der dir glaubhaft versicherte, dass es einen Weg gäbe, die Krankheit zu heilen, der dir sagte, dass es ganz einfach sei, dass du nur anfangen müsstest, dich anders zu ernähren, dass dir viele neue Wege des Genusses offen stünden, und dass du eine ganz neue Welt des Geschmacks kennenlernen würdest, der dir dazu sagen würde, dass du auf bestimmte Dinge, die dir lieb geworden sind, an die du dich gewöhnt hast und die du nicht gerne aufgeben würdest, zwar verzichten müsstest, dass du aber nach einer gewissen Zeit wieder völlig beschwerdefrei sein würdest, die Krankheit nicht länger dein Leben bestimmen würde und sie es nie wieder tun würde, vorausgesetzt, du bliebest bei dieser Ernährung, wenn er dir dazu auch noch riete, ein wenig mehr Sport zu treiben und er dir von den vielen Menschen berichtete, denen dieser Weg bereits geholfen hat, viele, viele Krankheiten, nicht nur die, die dich plagt, zu besiegen – würdest du diesem Menschen … Gehör schenken?“

Sie blickte ihn mit Tränen in den Augen an und konnte an seinem Gesicht ablesen, wie es in ihm arbeitete. Er dachte sehr lange nach und sprach kein Wort. Dann wandte er sich ab und ging davon.

Die Frau blieb allein zurück und war nun noch unglücklicher. Sie hatte geahnt, dass auch dieser Weg der falsche sein würde, ihren Mann, für den sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dass die Krankheit von ihm ablassen würde, dazu zu bringen, von dieser Möglichkeit, an die sie fest glaubte, zu überzeugen. Zuvor hatte sie ihm bereits ein kleines, fast unscheinbares Büchlein geschenkt, in welchem lauter simple Dinge standen, die doch eigentlich jedem Menschen klar sein sollten. Doch gab es in der Zeit, da das Paar lebte, nicht mehr viele Menschen, denen diese Dinge klar waren, weil sie ihnen aberzogen worden waren. Die allermeisten Menschen dachten über solche Dinge nicht mehr nach. Sie ließen das Nachdenken über ihren Körper und ihre Ernährung von anderen erledigen, damit sie den Kopf frei und mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens hatten, für die Vergnügen, denen sie nachgingen.

Die Frau ging in ihr Zimmer, setzte sich an den Tisch, nahm sich ein Blatt Papier und eine Schreibfeder. Mit ordentlichen, schön geschwungenen Buchstaben fing sie an eine Geschichte zu schreiben. Ihr nehmt nun – völlig zurecht – an, dass das Märchen hier zu Ende sei und wollt Euch beschweren. Denn Märchen gehen ja immer gut aus, nicht wahr?

Nun, das wäre kein Märchen, wenn es schlecht ausginge oder auch nur unbefriedigend für einen der beiden doch irgendwie ein bisschen netten Helden. Und schließlich lieben sie sich ja auch so sehr und der Liebe sollte doch nichts im Weg stehen, wenn schon die Helden selber vielleicht in der Geschichte eher blass bleiben. Gut, ich will Euch das Happy End nicht vorenthalten:

Einige Stunden später tat der Frau vom vielen Schreiben die Hand weh. Sie wollte in den Garten gehen, um sich im Liegestuhl zu entspannen, wollte die friedliche, duftende und summende Natur um sie herum das Ihre tun lassen, um die Traurigkeit dieses Tages von ihr zu nehmen. Als sie die Tür öffnete und nach draußen trat, erblickte sie dort in dem Liegestuhl neben dem ihren – ihren Mann. Er hielt ein kleines Büchlein in der Hand, und sie bemerkte, dass er es fast durchgelesen hatte. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihr Mann blickte auf und wurde ihrer gewahr. Auch er lächelte ein wenig, wenngleich in diesem Lächeln außer Zuversicht auch ein wenig Skepsis lag.
„Denkst du, es kann schaden es auszuprobieren?“, fragte er leise. Die Frau schüttelte vehement den Kopf. „Dann zeig mir, wie es geht. Und hilf mir. Bitte.“

Ein Gast-Märchen (Teil 1 von 2)

24. Juli 2014:  Ein Vollwertmärchen in 2 Teilen: Teil 1 (Gastbeitrag)

Märchen von einem, der auszog gesund zu werden

Es war einmal … So beginnen Märchen. Und dies ist ein Märchen. Denn Märchen gehen für die Helden immer gut aus. Das Leben schreibt andere Geschichten.

Es war einmal ein glückliches Paar. Zumindest war es meist glücklich, denn sogar im Märchen gibt es hin und wieder Fälle, in denen das verliebte Paar höchst unzufrieden mit- oder gar sehr ärgerlich aufeinander ist. Das macht aber nichts, denn so ein Paar lässt sich für gewöhnlich nicht durch ein paar kleine Widrigkeiten trennen (und im Märchen schon gar nicht!) – sie machen sie sogar stärker.

Eines Tages erkrankte der Mann. Er ging zum Arzt. Dieser führte verschiedene Untersuchungen durch und setzte schließlich eine gewichtige Miene auf; er schaute ein wenig mitfühlend und auch sehr wissend, denn er war ein studierter Mensch und kannte sich in seinem Metier sehr gut aus. Er wusste alles über diese Krankheit, was das Studium an einer angesehenen Universität ihm nur hatte beibringen können. Mit Fug und Recht konnte er von sich behaupten, er sei Experte auf dem Gebiet der menschlichen Gesundheit.

Mit seiner gewichtigen Miene setzte er nun zu einer Erklärung für seinen Patienten an: „Tja. Nun muss ich Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, dass die Krankheit, die Sie befallen hat, unheilbar ist. Sie haben mir ja auch gesagt, dass schon andere Familienmitglieder vor Ihnen daran litten. Es ist ganz eindeutig so, dass Sie nur ein weiterer Fall in dieser Reihe sind. Sie werden lernen müssen, mit der Krankheit zu leben, denn sie wird Sie den Rest Ihres Lebens begleiten.“

Der Mann machte ein erschrockenes Gesicht. Aber eigentlich hatte er so etwas schon befürchtet. Trotzdem war es ein Schock, diese Nachricht direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen!

Der Arzt lächelte milde; er wusste aus Erfahrung, dass die unwissenden Patienten anfangs immer geschockt reagierten. Sie wussten ja nicht, was er wusste; dass nämlich die Krankheit sehr gut in den Griff zu bekommen war. Es bedurfte lediglich der Einnahme einer bestimmten Medizin. Auch das würde fortan für den Mann ein Teil des Lebens sein – aber es war doch nur ein kleines Übel, das in Kauf zu nehmen sich lohnte. Denn immerhin konnte man dadurch beinahe so wie vor der Krankheit weiterleben!

Er klärte seinen Patienten also auf und dem Mann fiel ein Stein vom Herzen. Nur ein kleiner natürlich, denn er wusste auch etwas – zum Beispiel von vielen anderen Menschen mit derselben Krankheit, bei denen es nicht mehr reichte, die Medizin als Tablette einzunehmen. Irgendwann käme der Tag, an dem er würde beginnen müssen, sich Spritzen zu geben.

Er sprach den Arzt darauf an. Da dieser ein sehr ehrlicher Mensch war, der sein Gegenüber nicht im Unklaren lassen wollte, gab er zu, dass er nicht dafür garantieren könne, dass es nicht so käme und auch noch, dass er nicht sagen könne, wieviel Zeit bis dahin vergehen würde.

Der Mann fügte sich also in sein Schicksal. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Seufzend erhob sich von dem bequemen Stuhl, in dem er das Gespräch mit dem Arzt geführt hatte. Er schüttelte dem Mediziner die Hand und bedankte sich. Für einen kurzen, einen sehr kurzen Moment, schoss ihm die Frage durch den Kopf, wofür er sich eigentlich bedankte. Doch der Gedanke war sofort wieder verloren, denn im selben Augenblick sagte der Arzt: „Meine Helferin wird Ihnen noch ein Rezept ausschreiben. Halten Sie sich peinlich genau an die Einnahmeempfehlung! Dann wird es Ihnen gut gehen und Sie können unbeschwert weiterleben.“ Er lächelte zur Verabschiedung und nahm sich vom Tisch seiner Helferin die nächste Krankenakte, um zu sehen, wem er als nächstes helfen konnte.

Sehr traurig ging der Mann nach Hause, wo die Frau, die den Mann – wir erinnern uns an den Beginn des Märchens – ja sehr liebte (denn das musste sie, sonst wäre sie nicht glücklich mit ihm gewesen), sehr bang wartete.

Sie getraute sich nicht nachzufragen, aber das war auch nicht nötig, denn das Gesicht ihres Mannes sprach Bände. Das Herz wurde ihr schwer vor Kummer, denn auch sie wusste etwas über die Krankheit, die ihr Mann schon vermutet hatte, bevor er zum Arzt gegangen war. Die Krankheit würde nicht die einzige bleiben. Viele schlimme Folgen würde sie noch haben, und die Medizinforschung würde dafür sorgen, dass er ein langes Leben, erfüllt mit Krankheit und Medikamenten, haben würde.

Die Frau wurde noch trauriger als der Mann, denn die Frau wusste noch mehr. Doch ihr war klar, dass ihr Mann ihr niemals zuhören würde, wenn sie versuchte, dieses Wissen mit ihm zu teilen. Ganz zu schweigen davon, ob er überhaupt die Möglichkeit in Betracht ziehen würde, dass die Frau mit ihrem Wissen recht haben könnte, und gar nicht zu reden davon, ob er dieser Möglichkeit eine Chance geben würde!

Die Frau war tieftraurig und wusste sich nicht zu helfen, denn sie wollte keinen Streit mit ihrem Mann. Doch ihre Meinungen in dieser Sache waren ganz und gar gegensätzlich, und es würde es auf einen Streit hinauslaufen.

Teil 2 könnt Ihr morgen lesen.