Kindererziehung: mit oder ohne Schlag?

15. März 2012: „Die Hälfte der Eltern schlägt immer noch zu“

So lautete eine Headline im rga am letzten Dienstag (13. März 2012). Ich hatte den Artikel noch nicht halb gelesen, da ärgerte ich mich schon kräftig. Diese Political Correctness ist einfach unerträglich. Wer nämlich seinem Kind mal einen kleinen Klaps auf den Hintern gibt – zählt, so ist die Stimmung dieses Artikels, auch zu der schlagenden Hälfte.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin auch dagegen, Kinder zu schlagen. Und unter Schlagen verstehe ich dann nicht das erzieherische Kläpschen oder die Hand, die auch dem geduldigsten Elternteil mal ausrutscht, wenn die lieben Kleinen sich mal wieder den wunden Punkt rausgesucht haben und darin rumporkeln und absichtlich – um ihre Grenzen auszutesten – versuchen, ihre Eltern zur Weißglut zu bringen. Unter Schlagen verstehe ich schmerzhafte körperliche Bestrafungen, die auch die Psyche des Kindes demolieren können, die das Kind demütigen und demütigen sollen. Ich kenne Eltern, die ihre Kinder wirklich sehr, sehr lieben – und auch denen ist es mal passiert, dass das Kind eine abgekriegt hat. Das Schlimme für ein Kind ist, so ist meine Auffassung, nicht der Klapps, sondern die Art, wie im Anschluss damit umgegangen wird. Weder finde ich, dass Eltern sich tränentriefend 3 Tage lang dafür entschuldigen müssen, noch dass sie es als ihr Recht ansehen. Wenn ich mir aber zum Beispiel die Katzen auf der Terrasse ansehe, die ich ja so gerne beobachte: Da gibt Mutti auch schon mal einen erzieherischen Klaps, sie schlägt die Kleinen nicht, aber wenn sie ihr ans Futter wollen, gibt’s einen vor die Nase. Das reicht dann auch. Ziel einer Erziehung sollte schon die schlagfreie Variante sein, so denke ich – nur bitte nicht wieder gleich ins andere Extrem hüpfen.

Dieser ganze Zeitungsartikel ist  tendenziös in Richtung „Kinderchen sind durchweg und 24 Stunden lang liebe Geschöpfe, denen die Eltern gegenüber immer im Unrecht sind, wenn sie mal Kritik üben.“ Nun gut, das liest man ja allerorten. Darüber hätte ich ja noch hinweggelesen, weil eben das Thema  Klaps – Ohrfeige – Schläge sehr schwierig zu definieren ist. Das ist alles nicht so einfach, wie es der eine oder andere gerne darstellt. Hätte der Artikel hier geendet, hätte ich ihn binnen 3 Minuten wohl wieder vergessen

Dann kommt aber die Krönung der Interpretation, bei der ich „Schaum“ vorm Mund bekam: Es wurde nämlich wieder einmal darauf herumgeritten, was für ein kinderfeindliches Land Deutschland ist. Beweis: „60 Prozent [der Kinder] wünschen sich, möglichst schnell erwachsen zu sein.“

Noch sinnentleerter geht nicht, oder? Ich finde das völlig normal und vor allem völlig gesund, dass Kinder möglichst schnell erwachsen werden wollen. Ich kenne das auch aus meiner Jugend nicht anders, „wir“ wollten natürlich alle gerne erwachsen sein. Das ist doch der ganze Sinn des Kinderseins, auf das Erwachsenenalter (biologisch = Vermehrung) hinzupeilen. Ich finde es eher bedenklich, dass heute so viele Jugendliche bis zum 40. Lebensjahr an Mutters oder Vatersschürzenzipfel kleben, weil sie eben nicht erwachsen werden wollen. Ich weiß von Jugendlichen, die heute sogar artikulieren, dass sie nicht erwachsen werden wollen, dass sie Angst davor haben. Das erschrickt mich 1000 Mal mehr als ein Kind, dass den Wunsch äußert, möglichst schnell erwachsen zu werden.  Ach du meine Güte, was für ein gruseliges Szenario, 40-Jährige in Kniestrümpfchen?

Was für eine verdrehte Welt. Gut zu dem Artikel passt ja auch der Herbert Grönemeyer-Song, den ich hier absichtlich nicht mit einem Film hinterlege (weil ich ihn nämlich nicht ausstehen kann): „Gebt den Kindern das Kommando“. Was für ein hirnrissiger Blödsinn, völlig gegen jede Biologie usw. Kinder sind Kinder, sie wollen und sollen erst noch Erwachsene werden. Sie sind teils unbeschriebene Blätter und natürlich wünschen wir uns, dass sie mit guten Vorbildern und Wohlwollen „beschrieben“ werden.

Ach wenn doch endlich der Verherrlichung der Kinder ein Ende gemacht würde – dafür aber Kinder endlich wieder Kinder sein dürften, statt dass sie schon mit 6 Jahren ein Kalendermanagement brauchen, weil sie von Termin zu Termin hetzen oder Höchstleistungen erbringen müssen. Und schenkt euren Kindern einfach mal was Nettes: ohne den Aufdruck „pädagogisch wertvoll“ 😉

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