Diabetes im Ratgeber

26. März 2016: Eine Studie

Weisheit aus dem Diabetes-Ratgeber, 3/2016, Seite 6:

„Werden Diabetes-Patienten im Krankenhaus behandelt, bleiben sie durchschnittlich zwei Tage länger als Nicht-Diabetiker. Das ergab eine Studie aus Kalifornien (USA).“

Mal ganz abgesehen davon, dass wir wie üblich weiter keinen Einblick in die Studie bekommen: Wieso wird ein US-amerikanisches, ja ein kalifornisches Ergebnis so formuliert, als sei es eine Weisheit für die ganze Welt? Wer das nur flüchtig liest und nicht nachdenkt, könnte meinen, dass gelte auch bei uns. Vielleicht tut es das, vielleicht auch nicht. Korrekt aber müsste die Meldung heißen:

„Werden amerikanische Diabetes-Patienten im Krankenhaus behandelt, bleiben sie durchschnittlich zwei Tage länger als Nicht-Diabetiker. Das ergab eine Studie aus Kalifornien (USA).“

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Ich senke mein Risiko!

18. September 2014: Kein Schlaganfall mehr!

Im Seniorenratgeber vom September las ich auf Seite 9 einen kleinen Artikel mit der Überschrift „Bunt gegen Schlaganfall“. Demnach haben chinesische Wissenschaftler festgestellt, dass „schon 200 Gramm mehr Obst am Tag – zum Beispiel ein Apfel – […] das Schlaganfall-Risiko um mehr als 30 Prozent [senken]“.

Ey, das ist ja super. Nee, ich meine echt gut.

Wenn ich zum Beispiel ein Schlaganfallrisiko von 50 % habe (ich will ja nicht gleich aufs Schärfste gehen), kann ich mit einem (größeren) Apfel mehr am Tag das Risiko auf …. ja, auf was denn senken? Auf 20 %? (einfach 30 % abziehen) Auf 35 %? (Von den 50 % kurz 30 % runternehmen, also 30 % von 50 % = 15 %). Ich nehme mal an, gemeint ist der zweite Rechenweg. Ist aber egal, schön ist das auf jeden Fall.

Wenn ich nun mit meinem 35 %-Risiko noch einen Apfel mehr am Tag esse, habe ich nur noch ein Risiko von 24,5 %.
Die große Frage an Mathematiker ist nun: Wie viele Äpfel muss ich essen, um mein Risiko auf 0 % zu senken? Nach 24,5 % kommen 17,15 %, dann 12 %, dann 8,40 %, dann 5,88 %, dann 4,11, dann 2,88, dann 2,0; 1,41; 0,98; 0,69; 0,48; 0,34; 0,24; 0,17; 0,12; 0,08; 0,06; 0,04; 0,03; 0,02; 0,01; 0,014; 0,009; 0,006; 0,004; 0,003; usw. Also bei 27 Äpfeln bin ich ja praktisch bei Null. Wer sich noch an die Mathematik erinnert: So richtig Null wird das in der Theorie nie, aber wir sind ja praktisch denkende Menschen.

Okay, ich esse also 27 Äpfel am Tag. Das sind 9 große Äpfel zu jeder Mahlzeit. Wohl eher statt jeder Mahlzeit, denn nach 9 großen Äpfeln sind wohl selbst Fresssäckchen satt. Das ist natürlich lächerlich, ja, klar – denn ob wir nun ein Schlaganfallrisiko von 2% oder 0,003 haben, macht in der Praxis nicht wirklich etwas aus. Also 8 Äpfel am Tag machen schon ziemlich gesund. Senken ein Schlaganfallrisiko von 50 % auf 2 %. Toll.

Und das Tollste ist – selbst wenn ich nur 3 große Äpfel am Tag esse (ich kann natürlich auch 1 Birne, 1 Apfel und 1 Stück Melone nehmen, das ist weniger eintönig) bin ich schon nur noch bei einem Restrisiko von 12 % statt 50 %. Das ist wirklich wunderbar.

Und das Wunderbarste ist, dass ich sonst meine Ernährung offenbar gar nicht ändern muss. Morgens Rührei mit Speck, danach ein Apfel. Mittags Chicken MacNuggets mit einem Cheeseburger und einem Apfel. Und abends dann Makrelen aus der Dose mit Bratkartoffeln und Spiegelei, zum Trinken ½ Liter Olivenöl und – bloß nicht vergessen! – ein Äpfelchen von 200 g.
Übrigens: Wenn mein Schlaganfallrisiko bei 100% liegt… reichen schon 2 Äpfelchen mehr, um auf diese Prozentzahl zu kommen!!

Womit ich nichts wirklich gegen diese Studie sagen will. Sicher senkt ein Mehrverzehr an Obst (und Gemüse) solche Risiken beträchtlich. Aber es ist immer ein Fehler, solche Ergebnisse isoliert und ohne Zusammenhang zu betrachten. Und das passiert sehr häufig bei der Übertragung von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Laienpresse. Ein sehr schönes Beispiel aus dem Amerikanischen für die Verdrehung von wertfreien Resultaten findet Ihr z.B.: hier.

AIDS-Studie in Thailand

Kommentar vom 28. September 2009: Erfolg bei Impfstoff gegen Aids

Diese dpa-Meldung erschien bereits am vergangenen Freitag in der Tageszeitung. In diesem Fall geht es mir gar nicht um den Sinn oder Unsinn einer Impfung. Wieder einmal werden wir mit Halbinformationen gefüttert, die für mich einfach grausam klingen:

„Eine Studie mit 16.000 Teilnehmern in Thailand belege erstmals, dass ein Impfstoff eine HIV-Infektion bei Erwachsenen verhindern könne, melden die Weltgesundheitsorganisation WHO und das UN-Aidsprogramm Unaids. […] Nach Angaben des Herstellers Sanofi-Pasteur in Lyon gab es mit dem Impfstoff 31,2 Prozent weniger HIV-Infektionen als mit einem Scheinimpfstoff (Placebo).“

Mich erstaunt einmal die Zahl der Teilnehmer. Normalerweise sind Studien, die aktiv mit einem neuen Medikament durchgeführt werden, wesentlich kleiner. Eine Studie ist schon groß, wenn 2000 Teilnehmer gewonnen werden können. Dann frage ich mich: Warum Thailand? Ist Thailand ein Land mit einer besonders hohen HIV-Infektionsrate? Oder sind dort leichter Studienteilnehmer zu gewinnen? (Weil sie sich vielleicht eine finanzielle Entlohnung dafür versprechen? Darüber wird nichts gesagt.)

Aber der wirkliche Hammer sind doch die praktischen Überlegungen. Normalerweise werden Arzneimittel eben im Vergleich mit Scheinmedikamenten geprüft. Ein vereinfachtes Beispiel: Wenn ein neues Hustenmedikament geprüft wird, erhalten von 100 Teilnehmer  50 einen roten Hustensaft mit Wirkstoff und 50 einen roten Hustensaft mit Placebo. Am Ende wird dann ausgezählt, wie viele der Wirkstoffpatienten nach einer bestimmten Behandlungsdauer keinen Husten mehr hatten und wie viele von den Placeboteilnehmern. Die Pharmafirma hofft natürlich, dass 80% mit dem Wirkstoff keinen Husten mehr haben und dass das dann nur für 10% der Placeboteilnehmer gilt. Bei lebensgefährlichen Krankheiten werden normalerweise gar keine Scheinmedikamente eingesetzt, weil das als unethisch gilt. Ist ja auch verständlich: Wenn ein Medikament vermutlich ein Leben rettet, wie kann ich da einem Todkranken ein wirkungsloses Tablettchen in die Hand drücken? Nun ist AIDS eine so gefährliche Krankheit, dass ich eigentlich davon ausgegangen wäre, dass es unethisch ist, Menschen in dem Glauben zu lassen, dass sie ein wirkungsvolles Heilmittel bekommen, während man sie mit dem Scheinmedikament quasi vor die Wand laufen lässt.

Auch geht es bei diesem Medikament nicht um Heilung von AIDS, sondern darum, das Auftreten von HIV zu verhindern. Das heißt doch für mich, dass man Tausende von gesunden Menschen der Gefahr einer HIV-Infektion ausgesetzt hat, wohlgemerkt nicht einem Schnupfen! Im Übrigen lesen wir doch auch immer wieder, dass Kondome der beste Schutz vor AIDS bzw. einer HIV-Infektion ist. Wurden jetzt diese 16.000 Teilnehmer bewusst nicht darüber informiert, dass sie durch Kondome geschützt sind? Wie wurde denn überhaupt dafür „gesorgt“, dass diese 16.000 Thailänder und Thailänderinnen „ausreichend“ Kontakt mit diesem Virus hatten?

In Studien muss normalerweise jedem (!) Teilnehmer eine gründliche Information gegeben werden, in der er über mögliche Risiken aufgeklärt wird. Er muss dann vor Eintritt sein schriftliches Einverständnis geben und erhält diese Infos noch einmal schriftlich. Und das wurde bei diesen 16.000 Menschen ordnungsgemäß durchgeführt? Soll ich das glauben?

Dass sind doch menschenrechtliche Überlegungen, die einen erschaudern lassen! Vielleicht ging ja alles mit rechten Dingen zu, ich gestehe: Ich weiß es einfach nicht. Aber ich wette mit euch: Die Chefredakteure der Tageszeitung oder wer sonst für die Auswahl dieser Meldung verantwortlich ist, wissen es auch nicht! Haben sie sich diese Fragen nicht gestellt? Haben die ersten Redakteure, die diese Pressemeldung von Sanofi-Pasteur erhielten, nicht sofort bei dem Unternehmen angerufen und diese Fragen gestellt?