Eine E-Mail des Afghanischen Frauenvereins

Liebe Freundinnen und Freunde Afghanistans, liebe Spenderinnen und Spender,
wir alle, die Afghanistan nahe sind, haben die letzten zwölf Monate in größter Sorge verbracht und sind es weiterhin. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban erlebt Afghanistan die schwerste humanitäre Katastrophe seiner Geschichte.
70% des Staatshaushaltes waren vor der Machtübernahme international finanziert. Durch das Einfrieren dieser sowie der afghanischen Zentralbank-Gelder brach über Nacht die Finanzierung wesentlicher Versorgungsstrukturen für die Bevölkerung ein: So die ländliche medizinische Versorgung, Teile des Bildungssystems, das Banken- und Finanzsystem. Die Wirtschaft Afghanistans liegt inzwischen brach, die Arbeitslosigkeit ist immens, selbst im Tagelohnsektor, auf den Märkten und Feldern, ist kaum mehr bezahlte Arbeit zu finden. Es fehlt an Geld im Land, nahezu allen. 97% aller Familien haben nicht ausreichend zu essen.
Nachdem Familien in den ersten Monaten ohne Einkommen alles verkauft haben, was entbehrlich schien, um den harten Winter zu überstehen, geben nun 97 Prozent unter ihnen an, ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren zu können. Jedes zweite Kleinkind in Afghanistan ist heute akut mangel- oder unterernährt, über eine Million Kleinkinder brauchen zum Überleben dringend medizinische Ernährungshilfe. Gleichzeitig haben 29 Erlasse der neuen Regierung in den letzten 12 Monaten die Rechte von Mädchen und Frauen erheblich eingeschränkt. Vor August 2021 bildeten Frauen 22 Prozent der angestellten Erwerbstätigen im Land. 75% von ihnen haben ihre Arbeit verloren, so Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation. Über eine Million Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren dürfen seit einem Jahr nicht mehr die weiterführenden Schulen besuchen.
Was bedeuten diese Entwicklungen für den Afghanischen Frauenverein? Wie hat sich unsere Arbeit verändert?
Zunächst sind wir unseren phantastischen Kolleginnen und Kollegen in Afghanistan zu großem Dank verpflichtet. Trotz aller Ungewissheit, was die Zukunft bringen mag, entschieden 95% unter ihnen zu bleiben, auch die 60 Prozent unserer Kolleginnen. Nach vier Tagen nahmen sie am 19. August 2021 ihre Arbeit wieder auf. Sie starteten die mobile medizinische Versorgung der vielen im Juli nach Kabul Geflüchteten aus den Nordprovinzen, 44.000 Hilfsbedürftige konnten sie bis November erreichen. Sofort danach begann die Winter- und Überlebenshilfe für 64.000 Menschen in 11 Provinzen – teils in extrem entlegenen Gemeinden in Panjsher, Kunar, Nangarhar und Nuristan.
Wir weiten die medizinische Hilfe stark aus Nachdem zunächst 2.500 Kliniken nach dem 15. August 2021 ihre internationalen Geldgeber verloren, ist die medizinische Versorgung im ländlichen Afghanistan kaum existent. Seit 13 Jahren betreibt der Afghanische Frauenverein die kleine Gesundheitsstation im Bergdorf Qulab. Schon im Januar 2021 nahmen wir zwei weitere Mutter-Kind-Kliniken in unsere Förderung. Im November erweiterten wir Qulab um Räume und ein zehnköpfiges medizinisches Team. Im Februar 2022 kam die Mutter-Kind-Klinik Akakhel dazu. Und jetzt, ganz neu zum 1. August 2022, öffnen wir drei weitere, von Gebern verlassene Mutter-Kind-Kliniken im Bagrami und Qarabagh Distrikt der Provinz Kabul. Damit verantworten wir ab jetzt den Betrieb von insgesamt sieben Kliniken. Jede Klinik kostet pro Jahr durchschnittlich 120.000 Euro und behandelt täglich 100 Kinder und Schwangere. Für die drei neuen Kliniken suchen wir dringend Förderpartner und Spenden. Für jede Hilfe unter dem Spendenstichwort „Gesundheit“ sind wir extrem dankbar!
Fünf Schulen für 4.500 Schüler:Innen, 500 Schülerinnen im Homeschooling Seit dem 17. September werden unsere Grundschüler:innen wieder in unseren vereinseigenen Schulen unterrichtet. Alle Schulen sind geöffnet. Jedoch etwa 500 Mädchen aus den Gymnasialklassen 7 – 12 der Roschani- und Boyazar-Mädchenschule dürfen noch nicht wieder zum Unterricht kommen. Sie unterrichten wir im Homeschooling und geben die Hoffnung nicht auf, dass auch die Gymnasialklassen für Mädchen wieder öffnen können. Parallel loten wir allerdings auch verschiedene alternative Lernmodelle aus. Der größte Wunsch unser 500 Gymnasiastinnen ist, weiter zu lernen. Wir können und wollen sie dabei nicht im Stich lassen. In der abgelegen Bergregion Bazari, Kalakan Distrikt, gelang es uns in den vergangenen acht Monaten mit Hilfe von zwei Stiftungen eine neue Mädchengrundschule zu bauen. 200 Grundschülerinnen wird unsere neue Bazari-Mädchenschule nun täglich unterrichten. Am vergangenen Sonntag war die Eröffnung unter Beisein unseres Mitglieds Dr. Qamar Kaltenborn aus Bonn. Für alle Mädchen und uns war dies ein großer Tag. Parallel haben sich an fast allen Vereinsschulen die Schülerzahlen erhöht. Allen voran an der Safaa-Schule in Gedenken an Roger Willemsen, wo uns am ersten Schultag doppelt so viele Kinder erwarteten, wie wir Plätze hatten. Wir richteten ein leerstehendes Nachbargebäude mit weiteren Klassenräumen ein und unterrichten hier nun insgesamt 1.700 Grundschulkindern, 500 Kinder mehr als zuvor. Wenn Sie die Finanzierung eines Schulkindes übernehmen möchten, spenden Sie gerne unter dem Stichwort „Bildung“. Ein Monat Schule für ein Kind inklusive der benötigten Bücher, Hefte, Stifte, Schuluniformen und Lehrmaterialien kostet 10 Euro, 120 Euro ein Schuljahr.
Wir brauchen Sie! Liebe uns Verbundene, es ist uns wichtig, Ihnen in einer Zeit, in der sich die negativen Nachrichten zu Afghanistan häufen und sich in die Rückblicke auf die vergangenen 12 Monaten viel Traurigkeit, Resignation und Ratlosigkeit mischen, zu sagen, dass wir weitermachen und nicht aufhören werden, dies zu tun. Wir erleben Tag für Tag, dass die in den vergangenen 12 Monaten gemeinsam gestemmte Hilfe nicht umsonst ist, sondern jeder einzelnen erreichten Familie Hoffnung und Erleichterung schenkt. Deshalb bitten wir Sie: Hören Sie nicht auf, Mädchen und Frauen in Afghanistan zu unterstützen. Jede Spende, jeder noch so kleine Beitrag hilft und kommt an.
Mit herzlichen Grüßen von Nadia Nashir Karim, dem Vorstand und dem gesamten Team des Afghanischen Frauenvereins

Mehr auf der Webseite: https://www.afghanischer-frauenverein.de/so-helfen-sie-uns/

Status bei WhatsApp

Ich mag den Status bei WhatsApp, wenn Freunde und Bekannte dort z.B. Fotos aus ihrem Alltag oder einer Urlaubsreise posten. Das ist toll, da kann ich quasi dabei sein. Oder gucken, was sie gerade essen, kochen usw.

Was ich im Status überhaupt nicht mag und furchtbar häufig sehe, sind „kluge“ (seichte) Sprüche oder Scherze, die ich nicht komisch finde. Weil sie geschmacklos sind.

Und was ich noch weniger als „überhaupt nicht“ mag, sind plumpe politische Äußerungen. Das nervte mich schon zu Trumps Zeiten. Nicht, dass ich Trump gut fand. Aber diese plumpen Ansagen fand ich widerwärtig. Mit Baerbock und den Grünen genauso. Okay, ich bin weder eine Grünenwählerin noch eine Baerbock-Anhängerin, aber so zu tun, als wenn die Grünen mit ihrer Möchtegernkanzlerin alles nur zum Unwohl der Bevölkerung tun, quasi der Untergang ganz Deutschlands sind, und diese plumpe Art, dies zu verbreiten, bereitet mir Kopfschmerzen. Das ist Häme, keine politische Äußerung.

Und so geht das jetzt mit Afghanistan weiter. Obwohl nach Übernahme durch die Taliban fast noch kein afghanischer Flüchtling den deutschen Boden betreten hat, wird Antistimmung verbreitet. So als wären ein paar Tausend Afghanen im Land der Untergang der westlichen Zivilisation.

(Gern wird ja auch vor Ende des Christentums gewarnt, mit Vorliebe von Menschen, die nicht mal jede Weihnachten in die Kirche gehen.)

Heute hat’s mir gereicht. Seit Tagen wird mir beklommen, wenn ich mir vorstelle, was den Menschen in Afghanistan gerade angetan wird, wie Helfer von den westlichen Regierungen verraten werden. Ich stelle mir vor, ich wäre seit 20 Jahren ein einigermaßen freies Leben gewöhnt und müsste mich dann den Taliban unterwerfen. Mehr mag ich mir gar nicht vorstellen.

Ich habe lange bei den Status-Meldungen still gehalten. Es sind ja auch Freunde darunter. Aber heute hat’s mir gereicht. Ich werde ab sofort mehr als nur frische Brote und Cafebesuche posten. Das ist jetzt keine große politische Aktion, man könnte sicher mehr tun. Ich werde damit nicht die Welt oder einen einzigen Menschen aus Afghanistan retten. Aber wenn ich das alles weiterhin stumm mitlese, ist das wie Zustimmung.

Daher mein Post heute (nach frischem Brot und Cafébesuch…):

Mein Kommentar dazu: Welcher Zynismus! Man kann z.B. Menschenleben retten statt einem Staat zu helfen. Lasst die Frauen und Männer ruhig vergewaltigt und gefoltert werden…

Ich weiß, viel tue ich damit nicht. Es ist quasi das Mindeste, was Menschenwürde verlangt, finde ich.