Du bist zu dick! Zu dünn!

26. Februar 2012: Gewicht unter Vollwerternährung

„Wer konsequent vollwertig lebt, erreicht automatisch sein ideales Körpergewicht.“

Was für ein Quatsch. Ich glaube nicht, dass ein kluger Kopf wie Dr. Bruker das in dieser Ausschließlichkeit gemeint hat – und wenn, dann sicher in einem großen Zusammenhang.

Es stimmt einfach nicht. Ich kenne zu viele Untergewichtige, die auch mit Vollwertkost Mühe haben, auf ein annähernd normales Gewicht zu kommen. Und immer wieder gibt es auch Menschen, die mit konsequentester Vollwerternährung nicht auf das Gewicht herunterkommen, von dem sie träumen.

Das ist doch ganz einfach: Wer mehr Energie zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Punkt. Was nicht heißt, dass Vollwertler jetzt doch wieder Kalorien zählen sollen. Ich finde es nur traurig, dass immer wieder Menschen nicht geglaubt wird, die mit dem Übergewicht kämpfen, dass sie konsequent vollwertig leben. Da wird dann immer sofort unterstellt, dass sie „schummeln“. Ja, die Schummler gibt’s natürlich auch. Und dass einem jemand, der selbst spindeldürr ist oder kein Problem mit dem Stoffwechsel hat, nicht glaubt, liegt auf der Hand. Weil diese dürren Menschen, wie das ja viele gerne tun, immer von sich auf andere schließen.

Es gibt einfach auch individuelle Unterschiede bei der Verstoffwechslung. Das wollten früher Ärzte nicht wahrhaben, heute geistert das in der Vollwertecke auch teils rum. Wir schleppen heute häufig nicht nur jahrzehntelange Fehlernährung, sondern auch die Sünden vorheriger Generationen mit uns herum.

Vollwertige Ernährung ist sicher die beste Grundlage für eine Gewichtsreduzierung und auch – wichtiger, als häufig erwähnt werden darf – eine Gewichtserhöhung. Bewegung ist ein weiteres. Ganz, ganz wichtig sind Lebensumstände. Wer unter Stress viel isst, wird das auch als Vollwertler tun und zunehmen – aber nicht so viel wie mit Zivilisationskost und vor allem bleibt er gesünder. Denn auch die Spinnweb-Gedanken in manchem Vollwertkopf „Übergewicht = Krankheitsanfälligkeit“ sollte endlich einmal ausgepustet werden.

Es gibt kein Wundermittel bei zu hohem oder zu niedrigem Gewicht. Wer abnehmen will, muss auch als Vollwertler weniger essen. Der Unterschied ist: Er kann es mit mehr Genuss tun. Und er wird schneller erfolgreich sein. Wichtig ist nicht, ob wir dick(er) oder dünn(er) sind, sondern dass wir gesund sind!

Ich bitte diejenigen, die trotz riesiger Essensmengen mit der Vollwert abgenommen haben, sich hier ihre „besserwisserischen“ Kommentare zu sparen – ich gratuliere ihnen gerne. Ich freue mich für sie. Es gibt aber auch andere, und das bitte ich all diese Menschen endlich, endlich zu respektieren. Wer nicht abnimmt, ist nicht unbedingt willensschwächer als Menschen mit anderem Stoffwechsel oder ein Opfer von Lebensbedingungen, gegen die er sich nicht durchsetzen kann, und auch nicht zu dumm, die Vollwerternährung konsequent durchzuziehen 🙂 Wer hier jetzt wieder einmal das Märchen wiederholen möchte, dass jeder mit Vollwert sein Idealgewicht ganz bestimmt erreicht, möge das zu Hause auf ein Plakat schreiben – ich möchte hier mit denen diskutieren, die andere Erfahrungen gemacht haben 🙂

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Zwangswiegen für alle

Kommentar vom 5. Juni 2010: „Kinder und Übergewicht – Verbandschef Josef Kraus spricht“

Josef Kraus ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er studierte für das Lehramt an Gymnasien die Fächer Deutsch und Sport und ist heute Oberstudiendirektor, seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Auf dem Foto bei der Bundesverdienstkreuz-Verleihung: hier können wir sehen, dass er doch etwas Mühe hat, das Jacket über seinem durchtrainierten (haha) Körper zu schließen.

Wieso spreche ich so hässlich über eine kleine Äußerlichkeit? Nun, weil ich heute Morgen in der Tageszeitung seine Äußerungen zu Gewicht von Kindern gelesen habe, was mich wirklich aufgebracht hat.

Kraus möchte nämlich, dass Kinder in der Schule auf Gewicht kontrolliert werden und wenn sie Übergewicht haben, dementsprechend ausgesondert, ups, behandelt und die Eltern benachrichtig werden sollen. Übergewicht, so Kraus, kann nämlich bis an Kindesmisshandlung grenzen. Und Eltern übergewichtiger Kinder sollen dann auch weniger Geld (Hartz IV) bekommen. Meine Meinung dazu:

1. Warum wird hier nur vom Übergewicht gesprochen? Ist der Zwang zum Dünnsein nicht für viele Mädchen und auch Jungen mittlerweile Anlass genug, magersüchtig und somit untergewichtig zu werden?

2. Der Zwang zur Norm (z.B. Markenkleidung, Schlanksein) ist heute bei Jugendlichen schon schlimm genug. Muss das nun noch offiziell abgesegnet werden, indem übergewichtige Kinder noch weiter sozial diskriminiert werden, als das ohnehin schon der Fall ist?

3. Wer bestimmt denn, was übergewichtig ist? Als ich Mitte 20 war, galt für Frauen die Norm „Zentimeter über 100 minus 10 Prozent“. Ich habe damals schon darüber gelacht, meine Mutter sah mit einem solchen Gewicht nämlich aus wie eine runde Kugel (also zu dick), ich dagegen wie ein Opfer aus Hungerzeiten (ausgezehrt – ich hatte damals für kurze Zeit mein Idealgewicht). Das heißt, Kinder und Eltern werden möglicherweise zu einem Gewicht gequält, das in einigen Jahren vielleicht überholt ist?

4. Wie soll denn das Übergewicht bekämpft werden? Indem schon kleine Kinder in Diäten gepresst werden? Ich erinnere da an die Gastbeiträge zum Frühstücksfernsehen von dieser Woche!

5. Eltern müssen sich, so Kraus, um gesunde Ernährung und genügend Bewegung ihrer Kinder kümmern. Wer bestimmt denn jetzt, was gesunde Ernährung ist? Da müssen Eltern, die ihre Kinder rohköstig oder vegetarisch ernähren, bald mit Zwangsmaßnahmen rechnen? Da dauert es auch sicher nicht mehr lange, bis die Vollwert ähnlich diskriminiert wird! Im Übrigen: Warum packt Herr Kraus sich nicht an die eigene Nase? Mit seiner bläulichen schlechten Haut und seinem ganzen Erscheinungsbild sieht er nicht so aus, als ob er sich gesund ernährt oder gar genug bewegt.

6. Kinder durchlaufen Phasen, wo sie in die Breite und dann welche, wo sie in die Höhe wachsen. Ich konnte das bei einem meiner Neffen in den letzten Jahren bestens beobachten. Mit 12 oder 13 Jahren war er wirklich moppelig, er hatte das, was ich so „Kegelbeine“ nenne. Heute, kurz vor seinem 16. Geburtstag, ist er groß und schlaksig. Wie sähe er heute aus, wenn damals die Eltern Druck auf sein Essverhalten ausgeübt und ihm jedes eigene Empfinden für Sattsein somit für alle Zeiten verdorben hätten?

7. Wer garantiert den Eltern, dass nicht ein Arzt die Untersuchung durchführt, der für knabenhafte Figuren schwärmt und daher die Gewichtstabelle bei den Mädels schon mal gerne enger anwendet? Der sich der phasenhaften Entwicklung, wie ich sie in Punkt 6 beschrieben habe, und auch individueller Unterschiede nicht bewusst ist bzw. sie nicht akzeptieren will?

8. Wie weit will der Staat noch in unser Privatleben eingreifen? Wann wird die Rente von Senioren dann demnächst danach bemessen, ob sie auch das rechte Gewicht haben? „Rente runter für fette Rentner!“ ist doch auch ein hübscher Werbeslogan.

Ein wunderschönes Beispiel für den gesunden Menschenverstand ist auch hier meine eigene Familie. Meine ältere Schwester hat zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Der Junge war bei seiner Geburt schon recht groß und dementsprechend auch ein bisschen schwerer als gewöhnlich. Im Alter von einem Jahr war er immer noch größer als gleichaltrige Kinder – und auch ein wenig schwerer. Bei einer der Routineuntersuchungen sagte der Kinderarzt mit besorgter Miene zu meiner Schwester: „Der Junge ist viel zu schwer für sein Alter! Sie dürfen ihm nicht so viel Milch geben, geben Sie ihm öfter Fencheltee.“ Meine Schwester war also brav und gab dem Jungen abwechselnd Milch und Fencheltee. Natürlich wurde der Säugling vom Fencheltee nicht satt und schrie, schrie, schrie vor Hunger. Schließlich kam meine Schwester zu dem Schluss: „Mein Sohn ist doch größer als Gleichaltrige, warum darf er dann nicht auch schwerer sein? Ich habe auch keine Lust mehr, mir das Gebrüll anzuhören.“ Und so fütterte sie ihn weiter, wie sie das für richtig hielt. Der „Kleine“ ist mittlerweile 36 Jahre alt, groß, schlank und sportlich. Wie sähe er heute aus, wenn meine Schwester langfristig in die Diätfalle getappt wäre?

Gastbeitrag: Frühstücksfernsehen

Kommentar vom 1. Juni 2010: „Gastbeitrag: Frühstücksfernsehen“

Mialieh gönnt uns heute in ihrem zweiten Gastbeitrag einen Einblick in die Tiefen der Fernsehwelt. Übrigens habe ich erfahren: am 2. Juni 2010, also heute bzw. morgen, hat Mialieh einen wichtigen beruflichen Termin. Dafür drücke ich ihr ganz feste die Daumen, mit der vollen Kraft der Vollwertkost 😆

Frühstücksfernsehen

An einem Sonntagmorgen guckten meine Tochter, die im Teenageralter ist, und ich Fernsehen. Es kam eine Reportage über dicke Kinder. Besonders vorgestellt wurden Michelle, Jessica und Daniela, 11, 13 und 15 Jahre alt. Die Sendung begann mit der Vermessung der Kinder. Steckbriefartig wurde ein Foto eingeblendet, daneben der Name, das Alter, die Größe und das Gewicht, unter dem Gewicht ein Strich mit einem Ist-gleich-Zeichen und neben dem Zeichen die Zahl der Kilogramm im Übergewicht. Dann wurde gezeigt, was mit dem Kinder im Laufe eines 6-12 wöchigen Kuraufenthaltes gemacht wird: sie treiben Sport (Der Reporter: „Für viele Kinder ist das Thema Sport mit Scham und Mobbing behaftet. Hier entkommen sie jedoch nicht.“). Sie ernähren sich gesund (Der Reporter: „Viele Kinder essen hier zum ersten Mal gesund. In ihren Familien wird über gesundes Essen nicht nachgedacht.“). Gezeigt wurden Kinder beim Gemüseputzen und wie sie hinterher in Windeseile mit Weißmehl gebackene Pfannekuchen essen. Dann mussten sich die Kinder wieder bewegen und dazu wurde eine Diplomsportlehrerin befragt, die Weisheiten von sich gab, die mit „Heutzutage“ anfingen. Die Kinder werden auf 800 bis 1200 Kilokalorien gesetzt. Ziel ist es, dass sie bis  zum Ende der „Kur“ möglichst viel abnehmen. Ein Mädchen wurde dann vom Fernsehsender nach Hause begleitet. Es nahm zu Hause wieder zu. Ein Coach kam und räumte den Kühlschrank von Mutter und Großmutter aus und auf. Dann wollte er mit dem Mädchen Sport machen. „Aber die 15jährige Daniela ist zu willensschwach,“ meinte der Reporter. Man zeigte daraufhin der 15jährigen Daniela, ihrer Mutter und Großmutter ein computeranimiertes Bild. „So sähe Daniela aus, wenn sie sich weiterhin falsch bewegt und ernährt.“ Die Großmutter, die Mutter und Daniela heulten. Dann zog das Fernsehteam vermutlich ab und die Moderatorin im Studie kommentierte vor dem Hintergrund fettleibiger Kinder: „Michelle ist auf einem guten Weg. Jessica hat es geschafft und weitere 5 Kilo abgenommen. Daniela ist zu willensschwach. Sie hat bereits wieder 4 Kilo zugenommen.“

Noch während ich mit Schnappatmung vor dem Fernseher lag, kam eine BBC Reportage. Diesmal wurden magersüchtige Mädchen gezeigt, die sich in einer Klinik in einem Londoner Vorort befanden. Hier herrschte statt Bewegungszwang und Essverbot, Esszwang und Bewegungsverbot. Die Mädchen wurden wieder vermessen. Naomi, 15 Jahre, 32 Kilogramm und Natasha, 12 Jahre, 25 Kilogramm, standen im Mittelpunkt der Reportage. 2500 Kilokalorien mussten die Kinder zu sich nehmen. Kochten in der Reprotage zuvor die Diätassistentinnen ohne Fett oder redeten von ungesättigten Fettsäuren, die man aber nur minimal verwenden durfte, herrschte hier der Zwang zu ungesundem Fett, Zucker und viel Essen. Wenn ein Mädchen nicht aß, wurde das Essen püriert und eingeflößt. Die Zimmer wurden zweimal wöchentlich durchsucht und wenn ein Mädchen die Schokoriegel, die es hatte essen sollen, versteckt hatte, dann wurde das Essen ihm vorgesetzt. Wenn ein Mädchen sich zu viel bewegte, wurde es in ein Einzelzimmer gesteckt und unter Aufsicht gestellt. Die 12jährige Natasha hatte Erfolg und nahm zu. Sie durfte von ihrem Vater besucht werden. Dieser meinte: „Wenn ich das essen würde, was die Kinder hier essen, bekäme ich nach 3 Monaten einen Herzinfarkt.“ Die 15jährige Natasha war schon fünf Monate in der Klinik. Sie meinte: „Wenn ich wieder raus bin, esse ich nicht mehr. Das hier ist so ein Zwang.“

Was blieb bei mir hängen? Ich dachte, dass es in beiden Sendungen nur um das Vermessen und das Einpassen in statistische Größenordnungen gegangen war. Wöchentlich sind die Kinder gewogen worden, die Dicken mussten ausatmen, die Dünnen wurden auf Batterien und Steine durchsucht. Neben allen gesundheitlichen Problemen und der Erwähnung, dass die Kinder „auch psychisch therapiert werden“ müssten, war doch der Fokus beider Reportagen auf die Willensstärke der Kinder gerichtet: die Dicken waren zu schwach, die Dünnen zu stark. Es kam keine Überlegung dazu, was könnte man mit Kindern tun, die solche Probleme haben, dass sie sich mästen oder dass sie freiwillig in Kauf nehmen zu verhungern. Spaß am Essen durfte in beiden Sendungen nicht sein. Verbot und Zwang dominierten die Sendungen. Keiner hat mal überlegt mit den Kindern zu reden, was ihnen schmeckt und gefällt und was man machen könnte, damit sie einen solchen Spaß am Essen haben, dass sie das Essen, was ihnen guttut. Und das Problem, das Eltern mit verursachen könnten, wurde nur auf der Ebene der Kühlschrankkontrolle angesprochen. Dass ein Vater mit seinem abfälligen Reden über den Ernährungsplan der Tochter und seiner Erwartung des sofortigen Herztodes, wenn er diesem Plan folgen würde, die Tochter nicht eben unterstützt, sondern das Problem nur fortsetzt, wurde nicht erwähnt.