Wir verdauen weiter…

9. Mai 2013: Verdauungsleukozytose Teil 2/2

Mit Stress am Hals (gerne eine Quelle für viel essen) wurde das mit dem Gewicht bzw. dem Passgefühl meiner Klamotten (ich wiege mich schon lange nicht mehr, weil Gewicht meiner Lebenserfahrung nach nicht viel sagt) nicht besser. Ich habe mich lange gefragt, warum ich nicht wieder in die „Ich-bin-satt“-Schiene gelangen konnte.

Irgendwann kam mir ein böser Verdacht. Ich hatte nämlich festgestellt, dass ich abends richtige Berge essen konnte, selbst wenn ich vorher eigentlich nur mäßigen Appetit hatte. Spätestens eine Stunde nach dem Abendessen dachte ich wieder ans Essen. Das ließ sich nicht mit „lebensbedingt“ zur Seite schieben, denn da hat sich praktisch nichts geändert.

Nach einer Weile dachte ich: Ob es die Rohkost ist, die mir den Magen aufschließt? Kann es sein, dass die Verdauungsleukozytose in gewissen Situationen sogar einen richtigen Sinn hat? Schließlich ist sie ja physiologisch.

Es gibt Dinge, die gelten für Gut und Schlecht. Nehmen wir einmal die Hygiene. Die Wohnung sauber zu halten, ist gut. Wenn der Dreck die Wohnung regiert, werden wir krank. Dreck ist also eine krankmachende Sache. Andererseits wissen wir aber auch, dass für Kinder ein gewisses Maß an Dreck förderlich ist, weil sie in Überhygiene aufgewachsen, keine Widerstandskraft gegen Krankheiten entwickeln können und dass sie mehr Allergien entwickeln als andere.

Also habe ich abends mit der Rohkost vor dem Essen aufgehört. Nur mal so zum Test. Was passierte? Ich wurde plötzlich satt. Nicht direkt, wenn ich vom Tisch aufstand. Aber spätestens eine halbe Stunde später fühle ich mich wohlig (!) gesättigt. Eine Stunde nach dem Essen fühle ich mich immer noch nicht-hungrig. Wenn ich zu viel gegessen habe, merke ich das, weil ich im Bett liege und einen schweren Bauch habe. Das kenne ich NICHT, wenn ich vorher Rohkost esse. Ich habe kaum noch das Bedürfnis, abends noch einmal mit dem Knabbern anzufangen. Es ist kein Kampf mehr „Du sollst jetzt nichts mehr essen!“, es ist einfach so. Und in meiner Lebenssituation hat sich Null verändert.

Mit ein paar Menschen habe ich darüber gesprochen. Normalesser bringen dann Argumente wie: „Naja, du weißt nicht mehr, wie es ist, sich satt zu fühlen, also denkst du dieses Pappsatt der Verdauungsleukozytose sei das anzustrebende Sättegefühl“. Dem kann ich widersprechen. Denn dann würde ich nicht nachts im Bett den Unterschied zwischen „ich habe zu viel“ und „ich habe genug“ gegessen spüren.

Die ketzerische Frage, die ich mir gestellt habe, lautete: Wird die Verdauungsleukozytose in der Vollwert nach Bruker völlig falsch interpretiert, weil sie nur von Normalessern bewertet wird? Sie werden sowieso „satt“ und können den Unterschied nicht sehen. Ein Normalesser wird zum Beispiel nach einer Rohkost weniger von der Kochkost essen, denn er kennt dieses Gefühl des stetig Essen-Müssens nicht. Auch einige Essgestörte werden es gar nicht merken, weil ihre Essstörung an einem anderen Punkt sitzt und es nicht die Verdauungsleukozytose ist, die ihnen beim Sattsein hilft. Mit Essgestörten meine ich übrigens Menschen, deren Essstörung, egal woher sie rührt, mittlerweile einfach körperlich vorhanden ist, unabhängig von den Lebensbedingungen. Laienpsychologische Erklärungen, warum das angeblich lebensbedingt ist, kann ich nicht mehr hören. Ich vergleiche das einmal mit dem Alkoholismus: Ein Mensch kann zum Beispiel Alkoholiker aufgrund lebensbedingter Ursachen werden. Aber eines Tages ist der Alkoholismus, selbst wenn die Psyche des Patienten „geheilt“ ist, rein körperlich. Selbst ein ausgeglichener Ex-Alkoholiker wird ohne Anlass bei den Lebensbedingungen wieder körperlich in seine Krankheit verfallen, wenn er ein Glas Alkohol trinkt.

Was mich interessiert ist: Gibt es andere, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Die gelernt haben, dass die angeblich negative Verdauungsleukozytose auch ein Schutzmechanismus des Körpers sein kann? Oder jemand, der genau andere Erfahrungen im Rahmen eines Übergewichts/einer Gewichtszunahme gemacht hat (und auch wirklich diesen Punkt ausgetestet hat!). Oder: Wer möchte das einmal – vielleicht 6 Wochen ausprobieren – und berichten? Was mich an dieser Stelle nicht interessiert, ist das, was Bruker „vielleicht“ gesagt hat und was vielerorts dann mehr oder weniger reflektiert weitergegeben wird. Nur eigene Erfahrungen sind interessant, denn lesen kann ich selbst und habe es auch eingehend getan 🙂

Ketzerisches zur Verdauungsleukozytose

6. Mai 2013: Verdauungsleukozytose – Teil 1/2

Verdauungsleukozytose in der Praxis

Die Verdauungsleukozytose ist ein ganz wichtiger Baustein der Brukerschen Vollwertkost und bedeutet, dass wir die Rohkost vor der Kochkost essen sollen. Begründung: Wenn wir direkt die Kochkost essen, wird in unserem Verdauungssystem eine Leukozytenreaktion ausgelöst, die der entspricht, wenn unser Körper eine Infektion bekämpfen möchte. Mehr dazu könnt Ihr in Wikipedia lesen, ein Zitat: „Unter Verdauungsleukozytose wird eine vorübergehende Zunahme der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) nach der Nahrungsaufnahme bezeichnet. Es handelt sich dabei um einen physiologischen Vorgang.“

Es ist also offenbar, so können wir das auch woanders lesen, eine allgemein anerkannte Tatsache, dass die weißen Blutkörperchen zunehmen. Interessant ist der letzte Satz, dass dies nämlich physiologisch ist = normal, beim gesunden Menschen auftretend, nicht krankhaft.

Unbestritten ist auch, dass sie nicht auftritt, wenn wir ausschließlich oder als Vorspeise Rohkost essen, wie viel Rohes das sein muss, habe ich nicht herausfinden können. Die Interpretation dieser Tatsache kann jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Ich habe mich lange Zeit mit der Brukerschen Idee gut identifizieren können, dass ich die Verdauungsleukozytose vermeiden muss, um „richtig“ zu essen.

Mittlerweile habe ich eine praktische Entdeckung gemacht, die vielleicht nur Menschen nachempfinden können, die einmal eine Essstörung in Richtung Übergewicht hatten bzw. zu viel diätet haben. Ich möchte dazu ein paar Jahrzehnte zurückgreifen.

Bis zu meinem 20. Lebensjahr hatte ich ein völlig normales Sättigungsverhalten. Ich habe manchmal zu viel gegessen. Zu Weihnachten bekamen wir von den Großeltern immer eine große Tüte mit Süßigkeiten geschenkt. Die hielt bei mir bis Ostern, meine Freundinnen freuten sich – bei mir gab’s immer was zu Knabbern.

Eine Weile in der Pubertät war ich zu pummelig. Dies wurde mir quasi als Schild an den Kopf genagelt, und selbst als ich dann ab 14 Jahren eigentlich normal war, vermittelte mir meine schlanke Mutter immer, dass ich doch ein wenig zu viel auf den Rippen hätte. Mit diesem Gefühl bin ich durch die Welt gegangen, denn es war auch die Zeit, in der Frauen nur noch hager und mager sein durften. Also entschloss ich mich mit 21 Jahren, eine Brigitte-Diät zu machen – eigentlich, wie ich das heute weiß, überflüssig, denn ich hatte eine normale Figur. Es war die erste Diät in einem Reigen von Diäten, die allesamt nur dazu führten, dass mein Sättigungsgefühl zerstört wurde. Selbst mit der Vollwert ist das nicht ganz behoben worden.

Parallel dazu habe ich gelernt, dass mein Hunger umso größer wird, je mehr ich esse. Für Essgesunde klingt das unglaublich, ähnlich Entwickelte werden das vermutlich nachempfinden können. Beispiel: Wenn man abends zu einem üppigen Mahl eingeladen ist. Normalesser essen den ganzen Tag über wenig, um Platz zu haben. Ich fange in so einem Fall lieber gleich morgens mit einem reichlichen Frühstück an, da passt mehr.

Vor etwa 20 Jahren bekam ich Probleme mit der Galle, wie sich herausstellte, habe ich Gallensteine. Im Zuge dieser Probleme habe ich deutlich an Gewicht verloren. Ich hatte mittlerweile auch genug Selbstbewusstsein, um als erwachsene Frau meine dann normale Figur als eine solche zu akzeptieren. Das war der Zeitpunkt, als ich die Vollwert kennen gelernt habe. Mit Beginn des vollwertigen Essens habe ich am Anfang langsam, später dann etwas schneller zugenommen. Und ich war brav! Ich habe mich auf drei Mahlzeiten beschränkt, habe die Regeln befolgt. Meine Gesundheit nahm auch einen enormen Aufschwung, keine Frage. Aber mein Gewicht wuchs ständig, selbst Rohkost konnte das nur geringefügig korrigieren bzw. halten. Der Kommentar in Lahnstein „Was wollen Sie denn, Sie sehen doch völlig normal aus“, half mir nicht weiter. Ich weiß selbst am Besten, was für mich „normal“ ist – und das war es nicht. Das Kochbuch-Schreiben hat mein kleines Sättigungsgefühl leider wieder komplett ruiniert – an erster Stelle hier das „Hartz IV in aller Munde“. Ich musste in diesem Buch ja große Portionen kochen und dann auch essen, weil ich mich sonst hätte dem Vorwurf aussetzen müssen, mit so kleinen Portionen könne jede(r) sparen.

Bitte heute nicht kommentieren – der Artikel ist erst am 9. Mai vollständig.