Frank Escherbach Nr. 5

Frank war auf seiner Über-mich-Seite ziemlich offen. Er hatte sein Geburtsdatum, den 17.6.1971, und auch seinen Nachnamen Escherbach dort eingetragen, dazu Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Wohnort mit Straße. Im Gegensatz zu anderen, die damit schlechte Erfahrungen gemacht hatten, war er immer positiv überrascht worden. Die Leser seines „Midlife-Crisis“-Blogs hatten ihm regelmäßig zum Geburtstag gratuliert, mit einigen hatte er telefoniert.

Er hatte den Blog vor etwa 10 Jahren begonnen. Mit 41 kann man schon mal über die Midlife Crisis schreiben. Seine Beiträge waren meist satirisch, aber es gab auch ernsthafte Artikel oder Verweise auf andere Zeitschriften.

Als Russland im Februar 2022 einen Krieg mit der Ukraine anzettelte, war er sich mit diversen Intellektuellen einig. Frieden schaffen ohne Waffen, war sein Motto. Die meisten Leser gingen mit ihm, obwohl diejenigen mit Rang und Namen, die entsprechende offene Briefe oder ähnliches verfasst hatten, in der Öffentlichkeit stets lächerlich gemacht wurden. „Was für eine Diskussionskultur hat sich in diesem Land ausgebreitet“, dachte er des öfteren und seufzte. Wo waren sachliche Auseinandersetzungen?

Er selbst war als Leiter einer Autowerkstatt vermutlich kein Intellektueller, das war ihm ohne Neid klar. Er hatte auch keine intellektuellen Ambitionen. Seine Frau hätte ihn gern mal ins Theater oder die Oper mitgeschleppt, aber er blockte das immer ab. Einmal hatte er sich auf ihre Bitten eingelassen, da waren sie noch nicht verheiratet. Da saß er steif in seinem einzigen Anzug im Zuschauerraum und musste sich durch irgend so ein modernes Stück quälen. Vermutlich von einem Intellektuellen verfasst, kicherte er in sich hinein. Seine Margot hatte nie wieder versucht, ihn mitzunehmen.

Frank war immer an einem Austausch mit seinen Lesern interessiert. Schon zu Beginn seines Bloglebens hatte er kleine Wettbewerbe veranstaltet. Manchmal konnte er auch Verlage oder Buchhandlungen gewinnen, die ihm Preise stifteten.

Dann hatte er eine Idee. Warum sollte er seine treue Anhängerschaft nicht mal eine Geschichte schreiben lassen? Er unterhielt sich mit Margot darüber, sie reagierte aber relativ pessimistisch. „Du wirst sehen, wenn es keinen Preis gibt, nimmt niemand teil.“ Er zuckte die Schultern. Er war optimistischer.

Aber was für eine Geschichte sollte das sein? Da kam ihm die zündende Idee: Er würde die Leser auffordern, anhand der Über-mich-Seite über ihn zu schreiben. Er legte eine Zeichenzahl mit Leerzeichen von maximal 10.000 Zeichen fest. So ungefähr. Wie lange sollte er den Geschichtenschreibern Zeit lassen? Setzte er den Termin zu knapp, konnte niemand teilnehmen. War es zu reichlich, würde das zu Desinteresse führen. Solche Weisheiten hatte er in der Werkstatt gelernt. Nach reiflicher Überlegung gemeinsam mit seinem Freund Achim entschied er sich für vier Wochen.

Achim fand die ganze Idee gut. „Wie wär’s, ich werbe auf meinem Blog auch dafür? Auch Angler können sich Geschichten ausdenken“, feixte er. Und noch eine Ergänzung hatte er.

„Nichts gegen dein Leben, Frank, aber willst du das für so eine Geschichte nicht etwas aufpeppen? Wo hast du z.B. mal versagt?“ Frank dachte nach, aber ihm kam nichts in den Sinn. „Okay“, sagte dann sein Freund, „Dann nimm doch was aus meinem Leben. Ich habe mich zum Beispiel bei der Polizei beworben, das war mein Traumjob, seit ich ein kleiner Junge war. Aber sie haben mich nicht genommen.“ – „Warum nicht?“ – „Keine Ahnung. War irgendso ein merkwürdiger Grund. Zu intellektuell, zu klein, eine Allergie …“. „Ach, hast du denn eine Allergie? Und das mit der Polizei hast du mir nie erzäht.“ – „Ich habe eine Erdnussallergie, sie hat sich schon in jungen Jahren gezeigt. Und meine Bewerbung bei der Polizei, nun, darüber habe ich nie so gern geredet, ich kam mir wie der letzte Vollversager vor.“ – „Okay, das mit der Polizei nehmen wir in die Geschichte auf. Erdnussallergie, ich weiß nicht.“ Frank überlegte: „Wie wär’s denn, ich lege mir eine Erdbeerallergie zu?“ Achim verstand zwar nicht, was an einer Erdbeerallergie spannender ist als an einer Erdnussallergie. Aber er überließ dies seinem Freund. Immerhin hatte er sich als Erster diese Aufgabe ausgedacht, da stand ihm auch eine Auswahl zu.

Frank schränkte die Vorgaben für die Geschichte etwas ein. Seine Adresse und seine Telefonnummer wollte er den Lesern nun doch nicht zu bewusst vor die Nase führen. Sie einigten sich auf: „Frank Escherbach, 17.6.71 geboren, wollte zur Polizei, wurde aber nicht genommen, und mag keine Erdbeertorte.

Franks anfänglicher Optimismus war dünner geworden. „Meinst du, Achim, da kommt überhaupt was? Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.“

Achim klopfte Frank beruhigend auf die Schulter. „Du wirst schon sehen, das gibt bestimmt zehn  Beiträge. Mindestens. Das ist doch so spannend!“ Frank warf seinem Freund einen zweifelnden Blick zu, der ließ sich aber nicht aus seiner optimistischen Spur bringen.

„Weißt du was? Ich rufe Pierre mal wieder an. Habe mich schon so lange nicht gemeldet. Wäre denn auch eine Geschichte auf Französisch okay?“ Frank nickte. „Der eine oder andere wird es schon verstehen.“

Margot sah die Begeisterung von Frank und Achim, wie sie Pläne schmiedeten, was sie mit den Erzählungen machen sollten. Daher entschloss sie sich, als kleine Überraschung auch eine Geschichte beizutragen. Sie hatte auch schon eine Idee, sie würde das Ganze in der Ich-Form verfassen, und zwar säße der Frank über einem Ehevertrag für die zweite Ehe. „Nie wieder lasse ich mich auf solche Blutsaugerinnen ein“, war ihr erster Satz. Sie schaute auf den Bildschirm. Blut hat ja Ähnlichkeiten mit pürierten Erdbeeren, da könnte sie eine Verbindung ziehen. So schrieb sie munter drauf los.

Frank selbst nahm das Geburtsdatum ins Zentrum seiner Geschichte. Der 17 des Jahres 71, das muss doch in der Numerologie eine Ensprechung finden. Er stürzte sich für seine Recherchen intensiv in das Internet und fand viel, das er verwerten konnte.

Achim hatte noch zwei Mitautoren gewonnen. Seine Schwester Hella und Max, den Sohn seines Freundes Wolfgang, waren auch begeistert und sagten ihre Teilnahme zu. „Siehste, Frank, es werden mehr als nur vier.“ Frank lächelte schwach und wandte sich wieder Quersummen und Zahlenbedeutungen zu. Pierre verlegte seine Geschichte nach Avignon. Zwar hatte er keine Ahnung, welche Aufnahmebedingungen dort für die Polizei galten. Aber egal, da würden ihm die deutschen Leser schon nicht auf die Schliche kommen.

Kurz vor Abgabe war Achim etwas enttäuscht, weil seine Schwester ihre Teilnahme zurückzog. Sie hatte zu viel zu tun mit ihren drei Kleinen. Na, das hätte sie ja auch vorher sagen können! Von Max kam nichts.

Achim selbst übernahm Stücke aus seiner eigenen Geschichte, zum Beispiel wie er die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte. Das verknüpfte er mit der Erinnerung an Erdbeertorte. Kein Wunder, dass sein Protagonist nie wieder Erdbeertorte essen wollte! Dennoch gelang es ihm, eine Kriminalgeschichte daraus zu gestalten.

Frank hatte mit seiner immer stärker pessimistisch geprägten Voraussage recht gehabt. Es gab genau vier Einsendungen, nämlich seine, die seines Freundes Achim, seiner Frau und die von Achims Freund Pierre. Er kämpfte mit sich, ob er die Geschichten überhaupt auf den Blog stellen sollte. Achim ließ ihm die freie Entscheidung. „Wenn du veröffentlichst, linke ich auf meinem Blog dahin. Aber wenn du zu enttäuscht bist, kann ich das auch lassen.

Frank war nicht enttäuscht. Eher langfristig demotiviert. Dennoch veröffentlichte er die Geschichten, die völlig unterschiedlich waren und allein deshalb schon spannend. Die Resonanz der Veröffentlichung war genauso mickrig wie bei der Aufgabenstellung. Sein treuester Leser likte die Geschichten und kommentierte sie. Es gab noch zwei Likes. Und das war’s.

„Das war’s“, dachte sich auch Frank. ‚Die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich mich als der liebe Pappi mit lustigen Kindergeschichten verewigen würde, da wären mir jede Menge Likes sicher.“ Er war etwas desillusioniert, nicht verärgert, nicht säuerlich. Aber praktisch: „Wenn’s keinen interessiert, was ich hier mache, denn selbst meine Midlife-Crisis-Beiträge bekommen kaum noch Feedback, kann ich’s auch lassen.“

Achim verstand ihn gut, aber er führte seinen Angelblog trotzdem weiter. Das Schreiben der Beiträge war einfach Teil seines Lebens geworden. Da Frank sich nicht sicher war, ob er eines Tages nicht doch wieder einsteigen wollte, ließ den Blog vor sich hindümpeln. Gelöscht hat er ihn erst zwei Jahre später.

3 Gedanken zu “Frank Escherbach Nr. 5

  1. Daniela 8. Juli 2022 / 21:45

    Jede dieser Geschichten hat etwas ganz Besonderes! Total spannend, ich freue mich über jede!
    Ich bewundere alle Autoren für ihre Kreativität und ihren Einfallsreichtum.

  2. Lieselotte 15. Juli 2022 / 19:03

    Ich fände es sehr sehr schade, wenn Frank wirklich aufhören würde. Auch wenn ich selten kommentiere, lese ich die Beiträge doch sehr regelmäßig und freue mich jedes Mal, wenn es einen neuen gibt! Vielleicht überlegt Frank es sich nochmal?

    • OneBBO 16. Juli 2022 / 10:18

      Frank liest deinen Kommentar sicherlich mit viel Wehmut und Freude. Er würde vermutlich anmerken, dass es ihm für eine einzige Leserin, die seine Geschchte verstanden und kommentiert hat, wirklich leid tut, aber dass das Feedback ansonsten gleich Null ist. Frank merkt an, dass er schon mal fast ein Jahr pausiert hat. Wer weiß …. immerhin hat er seinen Blog noch nicht gelöscht. Das wäre endgültig.

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